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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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RATSCHLÄGE DES VATERS

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drei gute Ratschläge: 1. Mich baldmöglichst in das Kasino aufnehmen zulassen. 2. Im Kasino und überhaupt in Berlin wenig zu reden und nieFragen zu stellen. Fragen setze Mißdeutungen aus. 3. Fleißig in Gesell-schaft zu gehen und viel zu tanzen, das mache beliebt.

Ernster waren die Regeln, die mir mein guter und weiser Vater auf denWeg mitgab. Ich lasse sie folgen, denn wenn die Verhältnisse sich auchändern, so bleibt doch der Mensch im Kern derselbe. Auch die diplo-matischen Anfänger im besiegten, unglücklichen und wieder aufstrebendenDeutschland können aus diesen Winken mancherlei lernen:

Strengste, peinlichste Wahrhaftigkeit in allem, was berichtet wird. Nurmelden, was sicher ist. Nichts berichten, was sich später als unbegründetheraussteilen könnte. Nie flunkern. Kein Klatsch, kein Aufbauschen nochÜbertreiben, keine zu lebhaften Farben.

Ne pas forcer la note. Besondere Gewissenhaftigkeit, was Zahlen an-geht. Point de fantaisie. Die Ereignisse nicht greller malen, als sie sich dernüchternen Beobachtung darstellen.

Vorsicht im Urteil. Selten prophezeien, jedenfalls nicht in Berichten,allenfalls in Privatbriefen. Amtliche Propheten, Sterndeuter und Wahr-sager, Haruspices und Auguren gibt es nicht mehr. Davon abgesehen:Tout arrive, on ne peut jurer de rien, tout change.

Kompromittiere in deinen Berichten nicht andere. Es ist nicht an-ständig und nicht klug. Schreibe nicht ab irato. Fürst Bismarck pflegt zusagen, Entrüstung und Ranküne seien keine diplomatischen Begriffe. DerDiplomat sei weder ein Bußprediger, noch ein Strafrichter, noch ein Philo-soph. Es müsse ihm nur und ausscliließlich auf das wirkliche, nackte Inter-esse seines Landes ankommen.

Vorsicht mit Telegrammen. Große Vorsicht mit dem Chiffre, der nichtgedankenlos in die Hand genommen werden darf.

Kritisiere in Berichten nicht zu scharf. La critique est aisee et lart estdifficile. Außerdem kann jeder Bericht durchsickern.

Ruhig und nüchtern sein. Ne prends rien au tragique, tout au serieux,wie Thiers zu sagen pflegt. Und vor allem: Take every thing cooly! Abersei touj ours en vedette, nach allen Seiten aufpassen!

Ruhe, Gleichgewicht, Selbstbeherrschung. Keep up your nerves, Sir!Sich weder von Sympathien noch Antipathien bestimmen lassen.

Nicht heikle Wünsche fremder Regierungen nach Berlin melden. Über-lasse es der fremden Regierung, solche Anliegen durch ihre eigenen Ver-treter in Berlin Vorbringen zu lassen, wo sie eventuell leichter abzulehnensind.

Ohne Ermächtigung des Auswärtigen Amtes nichts unsere RegierungKompromittierendes von sich geben. Remember: Benedettis Reinfall

19 Büluw IV