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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE GOLDENE REGEL

mit seinen Kompensations- und Annexions-Vorschlägen gegenüberBismarck .

Klarer, knapper Stil, nicht zu breit, sachlich, aber nicht ledern.Tousles genres sont bons hors le genre ennuyeux, sagte Voltaire . Allzu oft ver-gißt es der Deutsche.

Erste Pflicht des Diplomaten ist, sich nicht überraschen zu lassen. Inder Politik herrscht steter Wechsel, alles fließt. Laß deiner Phantasie nichtdie Zügel schießen. Mache nicht aus jeder Mücke einen Elefanten. Aberhalte ungefähr alles für möglich, wenig für sicher. Vor allem emballiere dichnicht. Unseres Lebens schwer Geheimnis liegt zwischen Übereilung undVersäumnis.

Die Hauptaufgabe des Diplomaten im Ausland bleibt stets, was FürstBismarck die Arbeit in Menschenfleisch nennt, d. h. die richtige Behand-lung der Fremden, um greifbare, tatsächliche Erfolge zu erzielen. AlsoFühlung mit den Kollegen halten, nicht als Loup-garou in seinen vierWänden hocken. Aber sich auch nicht von den Kollegen anlügen oder aus-beuten lassen. Pas trop de zele ist, richtig verstanden, eine goldene Regel.