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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER VERKEHR MIT S. D.

Graf Paul Hatzfeldt kam mir mit Liebenswürdigkeit entgegen. Auch ihmverdanke ich manch nützlichen Wink, alle zugeschnitten aufS. D. (SeineDurchlaucht), wie Bismarck im Auswärtigen Amt genannt wurde. Ichnotierte mir diese Winke auf einem inzwischen vergilbten Blatt, das ichjetzt unter meinen Papieren fand und das ich wiedergebe, weil die darinerteilten Ratschläge für beide, für Otto Bismarck wie für Paul Hatzfeldt ,bezeichnend sind.

1. Nie in einer Richtung zu weit gehen, sich jedenfalls nie emballieren,womöglich um Dreivierteltakt Zurückbleiben. S. D. ist ondoyant et divers.Er liebt nicht die Hunde, die so weit über das Ziel schießen, daß sie keineandere Fährte mehr aufnehmen können.

2. In Berichten nicht zuvielich setzen. S. D. merkt es von selbst, wennman eine Sache gut gefingert hat.

3. Möglichst wenig bei S. D. anfragen. Besser schreiben oder telegra-phieren, man werde so oder so handeln, wenn nicht Contreordre erfolge.

4. Am Schluß des Berichtes andeuten, daß man im übrigen seine eigeneAppreziation der höheren Weisheit S. D. unterordne.

5. Alles geht ruhiger, als der junge Anfänger glaubt. Kleine Wider-wärtigkeiten, unvermeidlicben Ärger mit derWurschtigkeit nehmen, dieS. D. selbst empfiehlt. S. D. liebt nicht aufgeregte Leute, noch wenigerDurchgänger. Ruhe, eine gewisse Pomadigkeit, ja Lässigkeit gefallen ihm.

6. Als jüngerer Mann im Verkehr mit S. D. nie vergessen, daß er einstrenger, bisweilen grimmiger Pater familias ist. Am besten kommt derWeltmann mit ihm aus, schlecht derKreisrichter und am allerschlech-testen derProfessor.

Graf Paul Hatzfeldt hatte seine ersten starken politischen Eindrücke imVerkehr mit dem langjährigen Liebhaber seiner Mutter, dem geistvollenFerdinand Lassalle , erhalten. Es ist eigentümlich, daß ein anderer, auchsehr bedeutender Mitarbeiter von Bismarck , der Geheime LegationsratLothar Bücher Lothar Bücher, ein intimer Freund desselben Ferdinand Lassalle gewesenwar. Bücher hatte sich 1848 als Mitglied der preußischen Nationalversamm-lung der radikalen Linken angeschlossen und mußte, da er die Oppositionbis zur Steuerverweigerung trieb, 1849 nach dem Siege der Reaktion nachLondon fliehen, wo er mit Karl Marx und Mazzini, mit Friedrich Engels und Auguste Ledru-Rollin, dem Führer der französischen Sozialisten beidem Pariser Juni-Aufstand von 1848, und manchen anderen Koryphäender Revolution in regen Verkehr trat. Auch Lothar Bücher zeigte mirfreundliches Entgegenkommen. Er sprach mir gern von der Zeit seinesLondoner Exils. Er erklärte Karl Marx, den Verfasser desKommunisti-schen Manifestes , nicht allein für einen scharfen und tiefen Denker, sondern