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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EIN BEQUEMER CHEF

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auch für einen kreuzbraven Mann, für den besten Gatten und Vater, derihm vorgekommen sei. Auch Giuseppe Mazzini bezeichnete er mir alseinen ungewöhnlich edlen Menschen.Er konnte keiner Fliege etwas zu-leide tun, meinte er. Als ich auf die verschiedenen Attentate hindeutete,die Mazzini organisiert hatte, erwiderte Bücher:Da berühren Sie einProblem, das gründlich zu erörtern allzuviel Zeit erfordern würde, nämlich,wie sich Politik und Moral zueinander verhalten. Es ist unbestreitbar,daß Robespierre nicht nur in Worten, sondern tatsächlich un homme ver-tueux war, daß viele der sogenannten Terroristen gute, ja weiche und senti-mentale Menschen gewesen sind. Lothar Bücher hatte etwas Bescheidenes,Stilles, fast Schüchternes. Seine Beziehungen zu Frauen sollen immer pla-tonisch gewesen sein. Noch als älterer Mann huldigte er auf zarte Weiseeinigen Geheimratswitwen, denen er ab und zu Veilchensträuße über-brachte.

Im Gegensatz zu Lothar Bücher machte Paul Hatzfeldt in keiner Weiseeinen gedrückten Eindruck. Sein Aplomb war jeder Situation und jederSchwierigkeit gewachsen. Er konnte mit Talleyrand von sich sagen:Avecle sourire sur les levres et un front dairain on passe partout. Mit Talley-rand hatte er auch das gemeinsam, daß er amoralisch war, nicht etwa anti-moralisch. Talleyrand wird von allen, die ihn näher kannten, als liebens-würdig, gutmütig und nachsichtig geschildert, für sich wie für andere. PaulHatzfeldt war seinen Untergebenen ein sehr wohlwollender, bequemer Chefund im Verkehr nie launisch, nie ungeduldig, geschweige denn aggressiv.Aber die bürgerlichen Moralbegriffe erschienen diesen beiden eminentenDiplomaten mehr als konventionelle Formen denn als Gebote eines kate-gorischen Imperativs im Kantischen Sinne. In religiöser Beziehung be-gnügten sie sich mit der gelegentlichen Erfüllung der äußeren Formen derkatholischen Kirche, der sie angehörten. Als Talleyrand einmal gefragtwurde, wie er einen als lasterhaft bekannten Menschen in seiner Umgebungdulden könne, erwiderte er mit einem charmanten Lächeln:Cest precise-ment parce quil est si vicieux quil mest sympathique. Das hätte PaulHatzfeldt, wenn auch nicht sagen, so doch denken können. Ich stelle aus-drücklich fest, daß Perversitäten, wie sie ein Menschenalter später die Ber-liner Atmosphäre vergifteten, ihm ganz fern lagen.

Lothar Bücher ging nie zu Hofe, da Kaiser Wilhelm erklärt hatte, einenfrüheren Revolutionär, Steuerverweigerer und Flüchtling nicht empfangenzu können. Der sonst so gütige alte Herr hat nie einen Vortrag von LotharBücher entgegengenommen. Vor der Kaiserin Augusta durfte der NameBücher überhaupt nicht genannt werden. Paul Hatzfeldt dagegen stand beiIhrer Majestät in hoher Gnade, und auch Seine Majestät behandelte ihn,wenn nicht gerade mit innerer Sympathie, so doch mit großer Courtoisie.