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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EIN IDEALER MONARCH

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solcher Selbstzucht gegeben. Aus dieser Selbstzucht erwuchs seine zarteRücksichtnahme gegen andere, auch gegen die Kleinen, seine Güte, seineGeduld. Er war innerlich rührend bescheiden. Als ihm einmal mein Vater,dem nach seiner ganzen Art Komplimente fernlagen, seine aufrichtige Be-wunderung für diese Bescheidenheit aussprach, meinte der damals schonachtzigjährige Kaiser:Wie sollte ich nicht bescheiden sein, wo doch imJenseits mein Leibjäger vielleicht einen besseren Platz bekommt als ich,wenn er mehr taugt und seine Pflicht besser erfüllt.

Wilhelm I. war ein gütiger, gerechter, feinfühliger und treuer Mensch,und darum war er ein idealer Monarch. Das höchste Lob, das ihm gespendetwerden konnte, war, daß sein genialer Kanzler auf seine Gruft in Fried-richsruh nur die Worte setzen ließ:Ein treuer deutscher Diener KaiserWilhelms I. Wenn ich ihn an seinem Eckfenster stehen sah, dachte ichdaran, daß an dasselbe Palais, wo ihm jetzt das Volk zujubelte, im Un-glücksjahr 1848 freche Hände das WortNationaleigentum angeschmierthatten und daß weder jene Unverschämtheiten noch diese Huldigungensein inneres Gleichgewicht zu erschüttern vermochten. Nie wird es gelingen,sein edles Bild aus den Herzen des deutschen Volkes zu reißen, das nurdann die von ihm seit dem Zusammenbruch 1918 und dem daraus hervor-gegangenen Umsturz erlittene Not und Schmach verdienen würde, wenn esseines alten Kaisers vergäße.

Als ich Wilhelm I. bei der Defiliercour zum erstenmal vorgestelltwurde,als Attache des Auswärtigen Amts, sagte er mir mit einem freundlichenBlick auf meine Königshusaren-Uniform:Ihr früherer Kommandeur, derGeneral von Loe, hat mir Gutes von Ihnen erzählt. Hoffentlich machen SieIhre Sache als Diplomat auch gut. Dazu brauchen Sie ja nur dem VorbildIhres trefflichen Herrn Vaters zu folgen.