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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER ALTE KAISER

Im Winter 1873/74, als ich im Auswärtigen Amt arbeitete, trug BerlinBerlin 1873 bereits ein großstädtisches Gepräge, sein Straßenbild war lebendiger, seinVerkehr stärker geworden. Schon drängte sich mittags, wenn die Wacht-parade aufzog, die Menge um das Palais des alten Kaisers, um ihm zuzu-jubeln, wenn er, immer freundlich grüßend, an dem nunmehr historischgewordenen Eckfenster zur bestimmten Stunde erschien. Auch in der Operkonnte man ihn erblicken, wenn er in einer kleinen Seitenloge still und an-dächtig Wachtel und der Lucca lauschte. In meinem Leben haben mir, wieschon gesagt, nicht viele Menschen imponiert, wenige haben mir den Ein-druck wahrer Größe gemacht. Ehrfurcht habe ich, der ich, obwohl begeiste-rungsfähig, doch von Jugend auf zu einer gewissen Skepsis neigte, ganzselten empfunden. Für keinen Sterblichen eine so tiefe und aufrichtige Ehr-furcht wie für unseren alten Kaiser und König Wilhelm I. Und diese Ehr-furcht galt nicht nur dem Monarchen, sie galt nicht allein dem König vonPreußen, dem auf dem Schlachtfeld von Königgrätz sein gleich dem Vatersiegreicher Sohn die Hand geküßt, sie galt nicht nur dem greisen Kaiser,der Jena und Sedan erlebt hatte. Sie galt dem Mann, der wie kein zweiterdie höchsten Regententugenden besaß: Pflichtgefühl und Gewissenhaftigkeit,Charakterfestigkeit und unbeugsamen Mut, ohne Prahlerei noch Renom-mieren, echte Frömmigkeit ohne Schaustellung noch Mystizismus. Sie galtdem Soldaten, der Soldat war vom Scheitel bis zur Sohle, bis in die Finger-spitzen innerlich straff. Sie galt dem Menschen, der vornehm und schlichtwar, fleißig, treu bis in die innerste Faser, nie formlos, aber auch nie geziert.

Er war lange nicht so geistreich wie sein älterer Bruder, König FriedrichWilhelm IV. , aber er besaß jenen gesunden, hausbackenen Menschenver-stand, von dem ein Franzose gesagt hat:Le genie et le bon sens sontfreres, lesprit nest cpiun collateral. Er war kein Genie, aber er hatte allejene Eigenschaften, die den erfolgreichen Regenten ausmachen. Er war eineharmonische und ausgeglichene Persönlichkeit und deshalb ein gerechter,gütiger und milder Herrscher. Er hatte einen sehr klaren Blick für dasRichtige. Er wußte vor allem die rechten Leute zu finden und auf jedenPosten den rechten Mann zu stellen. Für einen Regenten gibt es kaum einewichtigere Eigenschaft. Der Grundzug seines Wesens, seine Qualitö mai-tresse, um mit Taine zu reden, war Treue, Treue gegen andere, Treue gegensich selbst, Treue in seinem Amte. Da er seinen Dienern immer die Treuehielt, so standen sie auch in unerschütterlicher Treue zu ihm. Es hat selteneinen Mann gegeben, der so viel, so unablässig an sich selbst arbeitete. Erlernte vor allem durch das Leben, aus jeder Erfahrung, mochte sie gut oderbitter sein, und das bis in sein hohes Alter. Mit Solon konnte er von sichsagen: yrjQdöxoJ asl xoXlä öiöaöxoftsrog (Stets und vieles zulernend, altereich). Es hat auch selten einen Mann von solcher Selbstbeherrschung und