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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE KÖNIGLICHE RESIDENZSTADT

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Als ich 1863 zum erstenmal nach Berlin gekommen war, zählte dieStadt kaum vierhunderttausend Einwohner. Noch stand der alte Dom, Berlin 1863noch standen die Häuser an der Schloßfreiheit. Auf dem Dönhoffplatzstand noch der Meilenstein, dagegen weder Stein noch Hardenberg.

Auf dem Enckeplatz stand die Sternwarte. Der biedere Encke hatteeinen Kometen entdeckt, den Enckeschen Kometen. Auf dem Lützow-platz standen noch Buden. Außer den Linden gab es noch mancheandere Straße mit grünen Bäumen. Es gab aber auch Straßen mit offenenRinnsteinen. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, waren selbstelegante Straßen, wie die Behrenstraße und die Französische Straße,von offenen Rinnsteinen durchzogen. Die Kanalufer waren noch mitRasen bewachsen. Am Mühlendamm feilschten und schrien noch echtepolnische Juden.

Am Kreuzberg dehnte sich eine Sandwüste aus. Auf dem TempelhoferFeld weideten Schafe unter der Obhut eines nachdenklichen Schäfers, derStrümpfe strickte. Viele Drachen stiegen dort in die Lüfte. Der Berliner war noch stolz auf sein Aquarium, auf sein Panoptikum, auf das Cafe Bauer,auf die Konditorei Kranzier, wo elegante Gardeoffiziere ihre langen Beinevor sich ausstreckten und mit dem Monokel die vorübergehenden Damenbeifällig musterten. Ich hatte damals das Berliner Pflaster recht schlechtgefunden, die Droschken noch schlechter. Die langen Straßen erschienenmir, verglichen mit dem Hamburger Neuen Wall und der Frankfurter Zeil,menschenleer, fast öde. Am meisten gefielen mir kaum vierzehnjährigemKnaben die kleinen Buden am Prinzessinnenpalais, wo alle möglichenWaren feilgeboten wurden. Als mein Vater dort eine Kleinigkeit erwarb,erzählte uns die Verkäuferin, daß der alte König W ilhelm in der W eihnachtszeitbei ihr bescheidene Geschenke für seine Familie und seine Umgebung zukaufen pflegte. Als sie ihm einmal einen etwas kostspieligeren Artikelvorgelegt hatte, habe er diesen Vorschlag abgelehnt und ihr scherzendmit dem Finger gedroht:Sie sind die Schlange der Verführung. Dieloyal gesinnte Ladenmamsell meinte dazu:Unser König ist der beste,gütigste Mensch von der Welt, und doch wird so auf ihn geschimpft.

Als ich im März 1866 nach meiner Konfirmation einige Tage mit meinenEltern in Berlin weilte, wurde vor uns in der Konditorei Josty am Pots-damer Platz von demokratisch gerichteten Besuchern höhnisch erzählt,man habe am Tage vorher an das Denkmal Friedrichs des Großen einenZettel geklebt mit den Worten:

Ach, alter Fritze, steig hernieder,

Und sei du unser König wieder,

Und laß in diesen schweren Zeiten

Nur lieber unsem Wilhelm reiten.