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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DEUTSCHER DOKTRINARISMUS

Der Engländer sagt:Right or wrong my country. Er ist von der naiven,aber urwüchsigen und felsenfesten Überzeugung durchdrungen, daß das,was für England nützlich ist, für die ganze Welt gut sei und daß englischeHerrschaft überall menschliche Gesittung fördere. Für den Franzosen istFrankreich der Punkt, um den sich alle seine Gedanken und Anschauungendrehen. Für den klerikalen Franzosen ist Frankreich la fille ainee de FEglise,der die anderen Völker zu huldigen haben. Für den radikal orientiertenFranzosen ist Frankreich la mere de la Revolution und deshalb im Interesseder Verbreitung demokratischer und republikanischer Ideen berufen, dieWelt und jedenfalls Europa zu leiten und zu beherrschen. Seine An-schauungen, Gefühle und Traditionen führen den Franzosen immer wiederzu der Überzeugung, daß die Preponderance legitime de la France für dieWelt die Voraussetzung wahrer Zivilisation und wirklichen, dauerndenWohlbefindens sei. Der Italiener hat auch in den Zeiten der Zerrissenheit,Schwäche und Ohnmacht der Halbinsel an dem Primato des italienischenGenius festgehalten. Die Fremden galten ihm alsBarbaren, aus innersterSeele rief er seinFuori stranieri! und schulle seine Geisteskräfte anseinem feurigsten Patrioten und gleichzeitig schärfsten Denker, an NicolaMacchiavclli.

Der Deutsche neigt im Innern nicht zur Sammlung und Konzentration,sondern zu Spaltung, Föderalismus , Partikularismus und selbst Separa-tismus. Nach außen gefallen wir uns in Träumen von dem endlichen Siegdes Guten über das Böse, von Völkerverbrüderung und ewigem Frieden,die, wie die Geschichte leider lehrt, an der Realität der Dinge und demunveränderlichen Egoismus der Menschen immer wieder zuschandenwerden. Da uns der massive Nationalstolz abgeht, laufen wir immer wiederGefahr, Deutschland zum Aschenbrödel der Völkerfamilie werden zulassen, wenn nur jeder Deutsche seine verschwommenen Doktrinen in diePraxis umsetzen, vor allem aber seine speziellen Partei-Interessen fördernkann. Ein böses spanisches Sprichwort lautet:Ein Spanier gleich einemCaballero, ein Engländer gleich zwei Handelsleuten, ein Portugiese gleichvier Gaunern, ein Deutscher gleich acht Bedienten. Vielen Deutschen istdie Bedientenrolle, die unser von Hause aus so tüchtiges, in großenMomenten heroisches Volk in manchen Zeiten seiner überwiegend tragischenGeschichte gespielt hat, nicht einmal klargeworden. Als ich am 11. Dezember1899 im Reichstag davon sprach*, daß es Zeiten gegeben habe, wo trotzunserer Bildung und trotz unserer Kultur die Fremden auf uns herabsahenwie der hochnäsige Kavalier auf den bescheidenen Hauslehrer, wurde ichvon der Mehrheit unserer biederen Volksvertreter gar nicht verstanden.

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 96; Kleine Ausgabe I, S. 107.