DAS STAUNEN
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die gute Prinzessin Karl von Preußen , die ältere Schwester der KaiserinAugusta. Als sie im Januar 1877 ihr Ende herannahen fühlte, legte sie dieAbzeichen ihres Regiments, des Westfälischen Feld-Artillerie-RegimentsNr. 7, an. Dann ließ sie Bismarck zu sich bitten und dankte ihm in einfachen,rührenden Worten für alles, was er für das Königliche Haus, für Preußen und für Deutschland getan habe. Dann starb sie am 18. Januar, ampreußischen Krönungstag.
In der sogenannten Gesellschaft wurde im Winter 1873/74 maßlos überBismarck räsoniert. Wenige Tage nach meinem damaligen Eintreffen inBerlin aß ich bei dem französischen Botschafter, dem Vicomte de Gontaut*
Biron. Neben mir saß der Rittmeister im Garde-Kürassier-Regiment GrafKonrad Lüttichau, ein prächtiger Typus des echten Gardeoffiziers der altenZeit: stramm im Dienst, vornehm in Haltung und Gesinnung, dabei einguter Kerl. Als wir beim Braten angelangt waren, sagte er zu mir: „Ichdenke, wir werden gute Freunde werden. Gardekürassiere und Königs-husaren gehören zusammen. Nur über eins müssen Sie sich klar sein: Wiralle in der guten Gesellschaft können Bismarck nicht leiden.“ Den Grundzu dieser Stimmung hatte der Kulturkampf gelegt, der bald zu dem Bruchzwischen dem leitenden Staatsmann und den altpreußischen Konservativenführte. Verschärft wurde später die Unzufriedenheit mit Bismarck durchdessen schonungsloses Vorgehen gegen den Botschafter in Paris , den GrafenHarry Arnim , mit dem er die höfische, diplomatische und gesellschaftlicheFronde treffen und einschüchtern wollte.
Wenn Bismarck in seinen Salon eingetreten war, so erfaßte mich jenerheilige Schauer, der den für Großes empfänglichen, Größe begreifenden Bismarck undMenschen erfaßt, wo die Kritik aufhört und das Staunen (ro d-avfia) der Reichstag beginnt. Wenn Bismarck sich zurückgezogen hatte und ich wieder, vorbeian den beiden Sphinxen, das Haus Wilhelmstraße 76 verließ, so stiegschon in meinen jungen Jahren die Sorge in mir auf, was ohne Bismarck aus dem deutschen Volke werden würde. Ich brauchte nur die Reichstags-verhandlungen zu verfolgen, die Zeitungen aller Parteien zu lesen, diepolitische Unterhaltung in den von mir besuchten Häusern anzuhören, ummir klarzuwerden, daß die Vorsehung, die den Deutschen mit so vielenreichen Gaben und edlen Tugenden zierte, ihn leider als Zcöov äjioXiTLxovschuf. Mir schwante, daß uns Deutschen vielleicht gerade wegen unsererSachlichkeit, Gründlichkeit und Stetigkeit für das unruhige, unstete undsprunghafte Gewerbe der Politik viele Voraussetzungen fehlten. DerDeutsche ist sachlich. „Deutsch sein heißt eine Sache um ihrer selbst willentun“, hat Richard Wagner gesagt und damit den innersten Kern desdeutschen Wesens getroffen. Der erfolgreiche Politiker aber ist seltensachlich, meist opportunistisch und kennt nur das Interesse seines Landes.