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DER BESTGEHASSTE MANN
Durchlaucht eigentlich über unser gegenwärtiges Verhältnis zu Rußland ?“Der Gute frug das in einem Augenblick, wo von einer Trübung unsererBeziehungen zu Rußland gesprochen wurde. Bismarck sah den Frager mitseinen großen Augen an. Dann: „In meiner langen Dienstzeit ist selten einesoun—un—“ Wir alle erwarteten:ungehörige,unerwünschte,unverschämteFrage an mich gerichtet worden. Der Fürst aber schloß den Satz, sichhöflich gegen den Prinzen Reuß verbeugend, mit den Worten: „... eineso unerwartete Frage an mich gerichtet worden.“
Wenn mein Vater zugegen war, unterhielt Bismarck sich gern mit ihmBismarck über Erinnerungen aus der Frankfurter Bundestagszeit, bisweilen auch überund Rußland schwebende Fragen der großen auswärtigen Politik. Ich entsinne mich genau,daß der Fürst schon damals als das schwierigste, aber auch wichtigsteProblem unserer auswärtigen Politik die richtige Behandlung des russisch-österreichischen Gegensatzes bezeichnete. Unser Verhältnis zu Rußland beschäftigte Bismarck unablässig. Am 4. September 1872 hatte in Berlin die Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm, Kaiser Alexander II. und KaiserFranz Josef stattgefunden . Der Augenblick, in dem unser ehrwürdigerKaiser den beiden anderen Monarchen seine siegreichen Truppen vorführte,war einer der Höhepunkte der preußischen und deutschen Geschichte.Bismarck hätte weder 1866 noch 1870/71* ohne wohlwollende russicheNeutralität seine Politik durchführen können. Aber andererseits lag es aufder Hand, daß völlige Preisgabe der habsburgischen Monarchie an Rußland uns in eine sehr prekäre Lage bringen würde. Weder Österreich-Ungarn zuopfern, noch uns durch Österreich-Ungarn in einen Krieg mit Rußland ver-wickeln zu lassen erschien Bismarck als eine gewiß nicht leichte, aber füreine ruhige und geschickte deutsche Hand lösbare Aufgabe, namentlichwenn wir nicht so dumm wären, den Russen gerade an den Dardanellenentgegenzutreten, statt das anderen zu überlassen.
Es wäre übrigens ein Irrtum, zu glauben, daß die Verdienste des in derSeine Vollkraft der Jahre und im Zenit des Ruhms stehenden Bismarck umWidersacher Preußen und Deutschland, seine überragende menschliche Größe damalsallgemein gewürdigt worden seien. Im Parlament und in der Presse wurdeer von vielen Seiten auf das bitterste, zum Teil auf das unwürdigste an-gegriffen. Unter seinen Gegnern standen wissenschaftliche Zelebritäten,wie Theodor Mommsen und Rudolph Virchow, in vorderster Reihe. Jederwußte, daß den beiden ersten Frauen im Lande, der Kaiserin Augusta undder Kronprinzessin Viktoria, der Reichskanzler nicht viel sympathischerwar als den Vorkämpfern der drei im Reichstag gegen ihn verbündetenParteien, den Herren Richter (Freisinn), Windthorst ( Zentrum) undGrillenberger (Sozialdemokratie). Wirklich und herzlich wohlgesinnt ampreußischen Hofe war Bismarck außer seinem alten Herrn eigentlich nur