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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EIN GROSSER

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An den beiden Sphinxen von Pfeifer ging ich vorüber, wenn ich alsAttache des Auswärtigen Amts abends den Salon der Fürstin Bismarck In Bismarcksbesuchte. Der Fürst und die Fürstin hatten mir durch meinen Vater sagen Salonlassen, sie würden sich freuen, wenn ich abends zu ihnen käme. Die Gästepflegten um zehn Uhr zu kommen, wo sie die Fürstin an einem großenrunden Tisch erwartete, auf dem alle möglichen kalten Speisen undDelikatessen standen: jede Art von Wurst, Sardinen, Anchovis, Matjes-heringe und Bücklinge, im Winter auch Kaviar, meist Liebesgabe ausPetersburg , Lachs, Italienischer Salat, harte Eier, jede Art von Käse, vomHolländer bis zum Harzer Käse, und ungezählte Flaschen Bier, echte,schwere bayrische Biere. Doktor Ernst Schweninger hatte dem Fürsten noch nicht seine Diät aufgezwungen und ihn noch nicht genötigt, abends6tatt Bier Milch zu trinken, die Bismarck in späteren Jahren zu sichnahm, freilich auch in enormen Quantitäten.Alles an dem Mann istriesig, sagte mir einmal ein witziger liberaler Abgeordneter,sogar seinAppetit.

Der Fürst erschien selten vor elf Uhr. Als der Philosoph Hegel am Tagenach der Schlacht von Jena Napoleon über den Marktplatz der kleinenUniversitätsstadt reiten sah, äußerte er:Ich habe die Weltseele auf einemSchimmel erblickt. Ich habe Bismarck nie in das Zimmer treten sehen,ohne die Empfindung, daß ich einen Großen, einen ganz Großen vor mirsähe, den größten Menschen, den ich erblickt hätte und je erblicken würde.

Er wirkte um so imponierender, als er in keiner Weise posierte, einfach undnatürlich war. Das fiel mir gerade in Berlin auf, wo Geheimräte und Volks-vertreter, so viele, die es zu einer gewissen Stellung gebracht haben, gernfeierliche Würde zur Schau tragen.

Charakteristisch für den Fürsten war seine ungemeine Höflichkeitgegenüber allen seinen Gästen. Auch den jüngsten begrüßte er mit einemfreundlichen Händedruck, gewöhnlich begleitet von einem liebenswürdigen,oft scherzhaften Wort. Damen küßte er fast immer die Hand. In späterenJahren, wo er wegen seiner Ischias viel auf der Chaiselongue liegen sollte,entschuldigte er sich bei jeder Dame, daß er sie in dieser Stellung begrüßenmüsse. Es lag in der Natur der Dinge, daß der Fürst, wenn er gekommenwar, die Unterhaltung beherrschte. Er sprach über alles, nie dozierend, ofthumoristisch, stets geistvoll und originell. Er machte immer einen über-legenen, nie einen eitlen Eindruck. Er sprach langsam, beinahe stockend,mit leiser und feiner Stimme. Wenn er eine Pause im Sprechen machte,pflegten auch die Gäste zu schweigen, um sein Nachdenken nicht zu stören.

Ich erinnere mich eines Abends, wo ein unter den Gästen anwesender PrinzHeinrich IX. Reuß nach einer schon einige Minuten dauernden Stille exabrupto und laut an den Fürsten die Frage richtete:Wie denken Euer