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DIE SPHINXE
Saal hatte eine kastenförmig abgeteilte Decke im italienischen Geschmackund dunkelgelbe Wände. Auf den Wänden waren Tänzerinnen dargestellt.Die Sage ging, daß sie eine Anspielung auf die berühmte und vielgefeierteTänzerin Barberina seien, die, nachdem sie mit ihrer Schönheit und ihrerKunst das Berlin des achtzehnten Jahrhunderts bezaubert hatte, den Sohneines großen Juristen, des Präsidenten von Cocceji , heiratete, der 1750 für siedas Haus kaufte, dem einmal Bismarck seinen welthistorischen Stempelaufdrücken sollte. Auch der Name Bismarck war schon einmal mit diesemHaus in Verbindung gekommen. Die Barberina, mit ihrem MädchennamenBarbara Campanini , verkaufte nach dem Ableben ihres Gemahls das ihrvon ihm geschenkte Haus an den Kriegsminister von Eickstedt. Nachdessen Tode übernahm es seine Tochter, die Frau Staatsministervon Decken, verwitwete Schloßhauptmann von Bismarck. Die beidenSphinxe, die den Eingang der Treppe des historischen Hauses bewachen,stammen aus der Zeit des russischen Gesandten Alopäus, also aus dem Be-ginn des neunzehnten Jahrhunderts, und sind ein Werk des BildhauersPfeffer.
Mein Vater erzählte mir gelegentlich, daß er in demselben Zimmerarbeite, das ein halbes Jahrhundert früher seinem Onkel Bernstorff alsBüro gedient habe. Er wies dabei auf den Porzellanofen der Stube hin, mitvier preußischen Adlern an den Ecken. Denselben Ofen habe er schon beiseinem Besuch vor sich gesehen, den er als Student seinem Oheim gemachthatte. Mein Vater lobte die altpreußische Sparsamkeit und Einfachheit. Erzitierte gern die Antwort, die das Orakel von Delphi einer um die Zukunftihrer Stadt besorgten lazedämonischen Deputation gegeben hatte: „Reich-tum, wahrlich, allein, sonst nichts kann Sparta verderben.“
Graf Christian Günther Bernstorff war nach seinem 1835 erfolgten Todeauf dem kleinen Friedhof beigesetzt worden, der vor dem PotsdamerBahnhof lag, der vor einigen Jahren aufgelassen wurde und dessen sichältere Berliner wohl noch erinnern. Wenn ich in meiner Amtszeit von Berlin nach Potsdam fuhr, erblickte ich den Friedhof, bevor ich den Zug bestieg.Wenn ich einem schwierigen oder unerquicklichen Vortrag bei Wilhelm II. entgegenging, so dachte ich an meinen Großoheim, der auch seine „Diffi-kultäten“ und Nöte gehabt hatte und doch jetzt friedlich und ruhig unterdem grünen Rasen schlummerte, unbekümmert um den Lärm des Pots-damer Platzes. „Nach neun Uhr ist alles aus“, so hatte Bismarck in seinerFankfurter Zeit an seine Frau geschrieben. Die verwitwete Gräfin EliseBernstorff, meine Großtante, hat Memoiren hinterlassen, die über die Zeitvon 1789 bis 1835 manches Interessante enthalten*.