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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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BISMARCKS RÄUME

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Gesandten in Berlin , den Grafen Cliristian Günther von BemstorfF, ab-treten zu können, gereiche ihm zu wahrer Genugtuung und lebhafter Freude,es sei dies gleich schmeichelhaft für Bernstorff wie für die dänische Kroneund Dänemark . Graf Bernstorff trat darauf in preußische Dienste. WenigeTage später teilte er seiner Gattin die in seinem und ihrem Leben ein-getretene Veränderung mit und fügte hinzu, daß er sich schon völlig inseinen neuen Wirkungskreis eingelebt habe.Du glaubst nicht, schrieb erihr,wie wunderlich ich mir selbst vorkomme, wenn ich schon preußischenSekretären über preußische Angelegenheiten diktiere, als sei es immer sogewesen. Seine Frau aber war über diese Wendung der Dinge wenigererfreut. Es schmerzte sie besonders, sich von dem Bernstorffschen Palais inKopenhagen trennen zu müssen, das bekanntlich später die Sommer-residenz der dänischen Königsfamilie wurde. König Christian IX. hat dortoft den Besuch seines Schwiegersohns, des Kaisers Alexander III. von Ruß-land, empfangen, Besuche, die Bismarck mit Argwohn sah, weil er wußte,daß die Königin Luise von Dänemark, obwohl eine deutsche Prinzessin,eine Prinzessin von Hessen , antipreußisch gesinnt war und in diesem Sinneauf ihren Schwiegersohn von Rußland einzuwirken trachtete.

Um den Wohnungssorgen der Gräfin Bernstorff abzuhelfen, gab Fried-rich Wilhelm III., sonst sehr sparsam, Weisung, das damals der Witwe desrussischen Gesandten Alopäus gehörige langgestreckte Gebäude Wilhelm-straße 76 als Dienstwohnung für den Grafen Christian Bernstorff zu er-werben. Der König nannte hierbei dieses Haus das schönste Haus Berlins .Der Kaufpreis betrug achtzigtausend Taler in Gold, eine für damaligeZeiten nicht unbeträchtliche Summe. Kein Deutscher sollte an diesem Hausvorübergehen, ohne im Geist in Ehrfurcht den Hut zu ziehen, denn hier hatFürst Bismarck in seiner größten Zeit seines Amtes gewaltet. Sein Arbeits-zimmer lag im Oberstock. Es sind die beiden Fenster, die als drittes undviertes von rechts gezählt neben dem Mittelrisalit liegen. Im Speisesaalneben dem Arbeitszimmer war es, wo Bismarck am 13. Juli 1870 jeneEmser Depesche empfing, die er zur Fanfare umstilisierte. Im gelben Zimmertagte unter Bismarck der Ministerrat. Im Arbeitszimmer stand der kleineMahagonitisch, auf dem er am 26. Februar 1871 den Präliminarfrieden vonVersailles unterschrieben hatte. Die Tapete des Arbeitszimmers zeigtegoldene Kreuzchen auf grauem Grund, der Teppich helle rote, blaue undgrüne Blümchen auf dunkelrotem Grund. Die Wände, mit braunen Streifenin schmalen Goldleisten, waren hübsch eingeteilt. Ganz einfach war da-hinter das einfenstrige Schlafzimmer, an das ein Kleiderzimmer stieß.

Weiter folgten nach hinten zu ein zweites Schlafzimmer, ein paar Kabi-nette und zwei Salons, die zusammen mit dem ovalen Saal Bismarck inseiner größten Zeit für seine Repräsentationszwecke genügten. Der ovale