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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE BREI SCHWESTERN

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Naivität und französische Gewandtheit war es charakteristisch, daß dieKaiserin Augusta sich einen Franzosen als Vorleser aussuchte und damitin ihre Intimität zog und daß von französischer Seite für diesen Posten einvon dem feurigsten französischen Patrioten, dem Führer derguerre äoutrance von 1870/71, von Leon Gambetta , empfohlener junger französi-scher Literat vorgeschlagen und von deutscher Seite akzeptiert wurde. Diedeutsche Republik war übrigens in dieser Richtung noch naiver als dasweitläufigere Kaiserreich. Erzberger und nach ihm Wirth suchten sich alsVertrauten und Ratgeber einen Monsieur Hemmer aus, einen ganz fran-zösisch gerichteten Metzer Oberlehrer, der bald nach Beginn des Weltkriegsvon der deutschen Militärbehörde in Schutzhaft genommen und dessenVater später in dem inzwischen französisch gewordenen Metz von den Fran-zosen als Beamter belassen worden war, während der Sohn als Chef derReichskanzlei die Arcana imperii bearbeitete. Mr. Gerard wurde, nachdemer endlich von der Kaiserin Augusta entlassen worden war, in die fran-zösische Diplomatie aufgenommen, wo er es bis zum Gesandten gebrachthat. Als ich ihm später einmal in Paris begegnete, brachte er von sich ausdie Rede auf dieSociete de Berlin und gab mir proprio motu sein Ehren-wort (foi dhonnete homme), daß er mit diesem Pamphlet nichts zu tunhabe. Ich habe diesen Schwur nicht au serieux genommen.

Im Gegensatz zu der in dem französischen Pasquill gegebenen Schil-derung waren dietrois sceurs, die Gräfin Perponcher, Frau von Prillwitzund die Gräfin Dankeimann, herzensgute, hebenswürdige Frauen. Siewaren Töchter des Grafen Karl Moltke, der, als ich in Neustrelitz zur Schuleging, dort als Oberstallmeister fungierte. Es ging in ihrem Salon so ehrbarwie möglich zu, womit ich nicht behaupten will, daß dort, um mich berline-risch auszudrücken, starkin Geist gemacht worden sei. Die Unter-haltung drehte sich während der Wintersaison um die kleinen Vorgänge desBerliner Lebens, wobei gelegentlich auch getratscht und geklatscht wordensein mag. Anders im Salon Schleinitz. Hier wurde wirklichin Geist ge-macht. Der Hausherr, Alexander von Schleinitz, bückte auf eine glänzendeLaufbahn zurück. Er war 1848 ganz kurze Zeit, dann von 1849 bis 1850und wieder von 1859 bis 1861 preußischer Minister des Auswärtigen ge-wesen. Seitdem war er Minister des Königüchen Hauses und damit in einerneuen, einflußreichen Stellung. Er war diebete noire des Fürsten Bismarck. Der große Staatsmann hat, wie in manchen anderen Fällen, auch hier mitKanonenkugeln nach einem Spatzen geschossen. Daß er Schleinitz nichtmochte, war begreifüch. Man konnte sich keine größeren Gegensätze denken.Mit seinen bis in sein Alter er ist erst 1885, achtundsiebzig Jahre alt,gestorben schwarzgefärbten Haaren, mit seiner schlanken Taille, dieaugenscheinlich einem Korsett zu danken war, mit seinem süßlichen

Das IlausSchleinitz

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