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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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QUERTREIBEREIEN

Lächeln und seiner etwas affektierten Sprechweise war Schleinitz in derTat so verschieden wie möglich von dem Gutsherrn von Schönhausen .

Schleinitz war der Vorgänger von Bismarck gewesen. Damals war dasVerhältnis zwischen dem Minister des Äußern Alexander von Schleinitz und dem Gesandten in St. Petersburg Otto von Bismarck noch leidlich.Es wurde ganz schlecht, als Schleinitz in der für Bismarck kritischsten Zeit,in jenen Frühlingstagen von 1866, wo es für den größten deutschen Staats-mann um alles ging, diesem am preußischen Hof giftige Opposition machteund sich in jeder Weise bemühte, dessen Politik zu durchkreuzen. Schleinitzwar der besondere Liebling der Kaiserin Augusta. Sie bezog von ihm dieArgumente, mit denen sie während jener entscheidenden Krise der preu-ßischen Geschichte den König Wilhelm an seinem gewaltigen Minister irre-zumachen suchte. Mein Kriegskamerad und Freund Guido Nimptsch, derals naher Verwandter der Baronin Schleinitz viel in ihrem Hause verkehrte,hat mir erzählt, daß sich im Mai 1866 dort täglich Mitglieder der öster-reichischen Botschaft einfanden, um Herrn von Schleinitz über die politi-sche Lage im österreichischen Sinne zu informieren und ihrerseits zu hören,was er über die Stimmung am preußischen Hofe mitzuteilen hatte. DieseQuertreibereien, die erLandesverrat undHochverrat nannte, hatBismarck niemals verziehen. Andererseits wollte der alte König, der keinenDiener preisgab, den er für treu hielt, seinen Hausminister nicht opfern.Er hat ihn sogar später, ein Jahr nach dem Berliner Kongreß, in den Grafen-stand erhoben, was Bismarck in gewaltigen und übertriebenen Zorn ver-setzte.

Marie von Schleinitz ging aus dem Trachenberger Hause hervor, wo dieverwandtschaftlichen Beziehungen sich so verworren durchkreuzten, daßsie, um verständlich zu sein, einer kurzen Klarstellung bedürfen. Der katho-lische Fürst Hermann von Hatzfeldt-Trachenberg entführte im Jahre 1830die Gattin des Grafen Kurt von Götzen, eine geborene Gräfin Mathildevon Reichenbach-Goschütz, die neun Jahre älter war als er. Es gelang ihm,in Rom die Annullierung der Ehe Götzen-Reichenbach zu erreichen, die mitdrei Kindern gesegnet war. Der zweiten Ehe des Vaters Götzen entsprossennoch fünf Kinder. Aus der ersten Ehe des Fürsten Hermann Hatzfeldt mitder Gräfin Mathilde Reichenbach stammten der in der Schlacht von Amiens am 27. November 1870 nicht weit von mir gefallene Erbprinz Stanislaus,die Gräfin Franziska Hatzfeldt, die in erster Ehe mit Paul von Nimptsch,später mit dem Generalfeldmarschall von Loe verheiratet war, und dieschöne Gräfin Elisabeth Hatzfeldt, die spätere Fürstin Carolath. EinigeJahre nachdem Fürst Hermann Hatzfeldt die Gräfin Mathilde Reichenbachgeheiratet hatte, verliebte er sich in die Gattin des preußischen Gesandtenbeim Päpstlichen Stuhl, Frau Marie von Buch, geborene von Nimptsch.