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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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GANZ ÜBERFLÜSSIG SEIN

Todesnachricht erhielt, sagte er, tieferschüttert, zu Alexander von Humboldt :Es ist für meine Regierungszeit ein wahres Unglück. Solche Klarheit derIdeen, solche Festigkeit, solcher Mut, wenn ein Entschluß gefaßt war und,Humboldt , Sie müssen es wissen, der einzige Minister, bei dem ich fühlte,daß er mich verstand, auch wenn er nicht meiner Meinung sein mochte.

Als am 18. Oktober 1861, am achtundvierzigsten Jahrestage der Völker-schlacht von Leipzig, die Krönung des Königs Wilhelm I. in Königsbergstattfand, stand Gabriele von Bülow als Oberhofmeisterin neben derKönigin Augusta. Vier Tage später zog sie mit der Königin in Berlin ein.Sie war sich der geschichtlichen Bedeutung dieses Tages bewußt. Am Abenddes Einzugstages sagte sie zu ihren Kindern, daß eine neue Zeit beginne,wie sie hoffe und erwarte, wieder einmal eine wirklich große Zeit. Sie irrtesich nicht. Auf den wüsten Spuk von 1848, auf die schwächlich tastendenund mißglückten Versuche derneuen Ära, moralische Eroberungenzu machen, sollte die heroische, die größte Zeit der preußischen und deut-schen Geschichte folgen. Gabriele von Bülow erlebte noch, daß ihre schöneEnkelin Therese Loe nach ihrer Verheiratung mit dem Grafen BertramBrockdorff zur Oberhofmeisterin der Prinzessin Wilhelm ernannt wurde.Sie starb am 16. April 1887 und wurde in Tegel beigesetzt, wo sie ihren Platzzwischen ihrem Mann und Alexander von Humboldt bekam.

Ich häufig bei dem Oberstkämmerer, dem Grafen Wilhelm Redern ,Graf der mit einer Tante meiner Mutter, Bertha Jenisch, verheiratet war. ErWilhdm war damals schon über siebzig Jahre alt. Sohn eines preußischen Hof-Rcdern ma rschalls, wa r er in jungen Jahren in den preußischen Hofdienst ein-getreten. Er hatte Friedrich Wilhelm III. bereits 1822 auf einer Reise nachItalien begleitet. Er erzählte gern, daß er neben dem König gestanden habe,als dieser am Posilip vor dem Grabe des Virgil die Nachricht von dem am26. November 1822 in Genua erfolgten Tode des Staatskanzlers FürstHardenberg erhalten hätte. Atemlos überbrachte ein preußischer Feldjägerdem König diese Meldung.

Hardenberg war bis zu seinem Tode, also während eines Vierteljahr-hunderts, in nahen und vertrauten amtlichen und persönlichen Beziehungenzu seinem Souverän geblieben. Als dieser die Nachricht von dem Tode desbewährten und hochverdienten Staatsmannes erhielt, meinte er gleich-mütig:Ganz überflüssig sein, mir deshalb einen Feldjäger zu schicken.Der König sprach gern im Infinitiv. Graf Wilhelm Redern schloß seine Er-zählung mit den an mich gerichteten Worten:Mein junger Freund, ver-giß nie, daß es weiße Menschen gibt, schwarze Menschen und Fürsten. Die Fürsten sind anders als die anderen Menschen. Das Gefühl derDankbarkeit ist bei ihnen meist nur schwach entwickelt. Heute,ein halbes Jahrhundert später, muß ich dieser Beobachtung beipflichten,