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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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PALAIS REDERN

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füge aber hinzu, daß die Volksvertreter und die Parteien nicht vieldankbarer sind.

Je älter der Oberstkämmerer Redern wurde, um so mehr lebte er in derVergangenheit. Schließlich wiederholte er auch unter ganz anderen Zeit-verhältnissen die Redewendungen, die er sich in seiner besten Zeit, unterFriedrich Wilhelm IV. , angewöhnt hatte. Ich erinnere mich, daß, als in densiebziger Jahren vor dem inzwischen fast achtzig Jahre alt gewordenenGrafen Wilhelm Redern von dem schwierigen Charakter der PrinzessinCharlotte von Preußen , der ältesten Tochter des kronprinzlichen Paares,gesprochen wurde, er unwirsch erwiderte:Man soll den Kaiser Nikolaus fragen, was zu machen ist, der weiß immer am besten, was uns frommt.Er hat manchmal zu mir gesagt:Früher war es leichter als heute. Wirerkundigten uns einfach in der ganz alten Zeit beim Fürsten Metternich ,später beim Kaiser Nikolaus , was wir tun sollten, und wir bekamen immerguten Rat. Mit Bismarck ist alles so aufgeregt und stürmisch geworden, diebesten Zeiten sind vorbei.

Das, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, von Schinkel erbauteschöne Redernsche Palais stand unter den Linden, wo sich heute das HotelAdlon befindet, das größte Berliner Hotel. Wenn ich dort absteige, denkeich an meinen alten Onkel Wilhelm Redern, seine altvaterische, mehrmalsum den Hemdkragen geschlungene schwarze Krawatte, seinen langenGehrock, seine steife Haltung. Er trug beim Gehen die Nase sehr hoch, unddie Berliner hatten ihm deshalb den SpitznamenDer Wolkenschiebergegeben. Sein Bruder, der Diplomat Graf Heinrich Redern, wurde wegenseines großen Mundes, den ein gewaltiges Rätelier zierte, der Semmelaffegenannt. Man war nicht gerade wohlwollend im alten Berlin . Es ist ver-wunderlich, daß in unserer größten Zeit markanten Persönlichkeiten oftSpitznamen angehängt und sie zum Objekt der Satire gemacht wurden.In der Gegenwart, deren Matadore die Satire mindestens ebensosehr her-ausfordern, ist es anders geworden.

Ein Haus, in dem ich mich wohl fühlte, war das des Malers GustavRichter und seiner Frau Comelie, einer Tochter des KomponistenMeyerbeer. Frau Comelie ist mir bis zu ihrem erst einige Jahre nach demWeltkrieg erfolgten Tode eine treue, liebe Freundin geblieben. Schon ihrsanftes Organ war mir sympathisch. Ihre Milde und Güte schufen um sieeine Atmosphäre der Harmonie und des Friedens, die mich wie eine Oaseanmutete.

Das eleganteste der Berliner diplomatischen Häuser war die FranzösischeBotschaft. Thiers, der die Welt kannte und die Bedeutung einer gutengesellschaftlichen Stellung für einen Diplomaten zu schätzen wußte, hattenach der Niederlage Frankreichs, und gerade um die Folgen dieser Niederlage

Das

Diplomatisrhe

Korps