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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIE BOTSCHAFTER

abzuschwächen und obwohl er die republikanische Staatsform in Frankreich erhalten und befestigen wollte, die wichtigsten Auslandsposten mit Aristo-kraten und Vertretern des alten Systems besetzt. Nach London entsandteer als Botschafter zuerst den Herzog von Larochefoucauld-Bisaccia, dannden Herzog Decazes, nach Wien den Marquis dHarcourt, nach Rom zumQuirinal den Marquis de Noailles, zum Vatikan den Baron de Corcelle, nachdem militärischen St. Petersburg den General Leflo, nach Kopenhagen denVicomte de Feriol, nach Madrid den Vicomte de Bouille, nach Berlin deneiner alten und illustren Familie entsprossenen Vicomte de Gontaut-Biron. Ich habe schon gesagt, daß es dem letztgenannten französischenDiplomaten bald gelang, sich die Gunst der Kaiserin Augusta zu erwerben.Das Mißtrauen, das ihm Bismarck vom ersten Tage an entgegenbrachte, hater nie zu überwinden vermocht.

An Intelligenz stand er weit hinter dem englischen Botschafter, OdoRussell, dem späteren Lord Ampthill , zurück, der eine feine Bildung undliebenswürdige Formen mit politischem Takt und Blick verband. OdoRussell hat es verstanden, nicht nur die Sympathie, sondern auch dasVertrauen des Fürsten Bismarck zu gewinnen. Er und seine schöne Frauwaren in der Berliner Gesellschaft gern gesehen. Am kronprinzlichen Hofund im Reichskanzlerpalais waren sie gleich beliebt.

Graf AloysKärolyi hatte die habsburgische Monarchie schon vor 1866in Berlin vertreten. Zu ihm hatte 1863 der soeben zum preußischen Ministerder auswärtigen Angelegenheiten ernannte Herr Otto von Bismarck-Schönhausen gesagt, er rate Österreich, seinen Schwerpunkt nach Ofen zuverlegen. Nicht lange nach dem für uns siegreichen Ausgang des Deutsch- Französischen Krieges erschien Kärolyi zum zweiten Male und diesmal alsösterreich-ungarischer Botschafter in Berlin, wo in der Zwischenzeit seinNachfolger, Graf Felix Wimpffen, keine Seide gesponnen hatte. Bismarck, der auch in den kritischen Jahren vor dem Preußisch-ÖsterreichischenKriege persönlich und gesellschaftlich in freundlichen Beziehungen zuKärolyi geblieben war, hatte sich mit dessen Rückkehr nach Berlin ganzeinverstanden erklärt, drückte ihm aber doch sein Erstaunen darüber aus,daß er, ein steinreicher Magnat, von dem man sage, daß er auf seinenHerrschaften so viele Schäfer unterhalte wie andere Leute auf ihren GüternSchafe, wieder das Joch des Dienstes auf sich nehmen wolle.Ja, schauen S,entgegnete ihm Graf Aloys Kärolyi,vormittags reite ich, nachmittagsmache ich Besuche und spiele im Klub meine Partie Whist, abends gehe ichin Gesellschaft oder empfange selbst. Nur zwischen zwölf und ein Uhr vor-mittags wußte ich seit meinem Rücktritt nicht, was ich unternehmen sollte.Diese Stunde werde ich jetzt in der Kanzlei mit Unterschreibentotschlagen.