RUSSISCHES
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Der italienische Gesandte, Graf Launay, war ein hervorragenderpolitischer Kopf. Savoyarde von Geburt, war er der italienischen Sprachekaum mächtig und hatte die Erlaubnis, seine Berichte in französischerSprache zu schreiben. Der Gesinnung nach war Launay nicht nur Italia-nissimo, sondern leidenschaftlich antifranzösisch. Er war der einzige derfremden Vertreter in Berlin, zu dem Holstein in intimen, nie getrübtenpersönlichen und politischen Beziehungen stand.
Von allen fremden Diplomaten war der belgische Gesandte, BaronNothomb, wohl derjenige, der die beste persönliche und politischeStellung hatte. Zu keinem anderen Lande waren unsere Beziehungen sofreundlich und sicher wde zu Belgien. Die einzige Tochter des BaronNothomb war mit dem Oberst von Zedlitz vermählt, der bei der ruhm-reichen Attacke von Mars-la-Tour die 2. Garde-Dragoner geführt hatte.
Der russische Botschafter, Herr von Oubril, erzählte selbst, daß ereiner distinguierten Emigrantenfamilie entsprossen sei. Der ihm nicht wohl-gesinnte Fürst Bismarck behauptete dagegen, Oubril sei in Wirklichkeit derEnkel eines französischen Kochs, dessen „petits pätes“ die große KaiserinKatharina appreziiert habe. Der russische Botschaftsrat Arapoff und derMilitärattache KutusofF waren trinkfeste Männer. Arapoff hatte einmal beieinem Hoffest in heiterer Weinlaune sich selbst ein Glas Champagner überden Kopf gegossen und dazu gelallt: „Will ich mir noch einmal taufen, aberdiesmal mit Sekt.“ Auch KutusofF kam selten von einem Diner oder Soupernüchtern nach Hause. Als er in einer größeren Gesellschaft erzählte, seineFamilie stamme aus Pommern und habe ursprünglich Kutus geheißen,meinte der schlagfertige, witzige Minister des Innern, Graf FriedrichEulenburg: „Den Soff haben Sie sich in Rußland zugelegt.“ Sehr übel triebes der langjährige Zweite Sekretär der Russischen Botschaft, Baron MitaBenkendorf. Er und seine Gattin lebten in Berlin auf großem Fuß, bis siebei Nacht und Nebel unter Hinterlassung beträchtlicher Schulden ver-schwanden. Die Frau kam so herunter, daß sie schließlich in einem Pariser Freudenhaus endigte. Sie war nicht besonders hübsch, und als sie währendmehrerer Tage keinem Besucher gefallen hatte, erschoß sie sich und hinter-ließ einen Brief, in dem sie erklärte, daß verschmähte Liebe sie in den Todtrieb. Ein französischer Literat ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, siezur Heldin eines damals vielgelesenen Romans zu machen, dem er den Titelgab „Le pistolet de la petite Baronne“. Es war bezeichnend für die Frivolitätrussischer Großfürsten, daß Großfürst Wladimir den Gatten der armenFrau, der durch seinen Leichtsinn und Schlimmeres die Hauptschuld anihrem Untergang trug, in seine Umgebung zog, mit Vorliebe zum Begleiterbei seiner jährlichen Herbstreise nach Paris wählte und ihn in Chantilly demHerzog von Aumale mit den Worten vorstellte: „Voici mon ami, le Baron