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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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ERGÄNZUNGEN

Weimar undPotsdam in Umlauf gebracht wurden, ist es Modegeworden, diese beiden Begriffe zueinander in Gegensatz zu bringen. Durchsolche Plattheit werden die Köpfe verwirrt und wird das Vaterlandgeschädigt. In Wahrheit sind Potsdam und Weimar gar keine Gegensätze,sondern sie ergänzen einander. Mein Freund, der Dichter Adolf Wilbrandt ,hat in einer tiefs inn igen und dabei anmutigen Komödie, die, wenn ich michrecht erinnere,Der Unterstaatssekretär heißt, Potsdam und Weimar einander gegenubergestellt. Ein junger, tüchtiger, kluger Beamter und einreizendes, liebenswürdiges Mädchen, die Tochter eines Gelehrten, fühlensich zueinander hingezogen, streiten sich über Politik. Er sagt:Ich stehezu Bismarck, Moltke, Blücher, zu Fridericus Rex, zu Zieten und Seidlitz,zu dem Schöpfer der vorbildlichen und mustergültigen preußischen Ver-waltung und unserer herrlichen Armee, zu König Friedrich Wilhelm I. , zudem Großen Kurfürsten, mit dem das Wiedererwachen des deutschenVolkes aus langem politischem Todesschlaf beginnt. Sie lispelt:Undichfolge Goethe, Schiller, Herder , Lessing. Schließlich fallen sie sich beide indie Arme, um sich für immer zu finden und zu verbinden. In der Rede, dieich am 16. Juni 1901 vor dem Nationaldenkmal des Fürsten Bismarck inBerlin hielt, sagte ich*:Fürst Bismarck ist auf politischem Gebiet und imReiche der Tat für uns geworden, was Goethe im Reiche der Geister, aufdem Gebiete der Kunst und Kultur für uns gewesen ist. Auch er hat, wieSchiller von Goethe sagte, die Schlange erdrückt, die unseren Geniusumschnürte. Goethe hat uns auf dem Gebiete der Bildung geeinigt, Bismarck hat uns politisch denken und handeln gelehrt. Und wie Goethe für immerals Stern an unserm geistigen Himmel steht, so ist Bismarck uns die Gewährdafür, daß die Nation ihre Gleichberechtigung mit andern Völkern, ihrRecht auf Einheit, Selbständigkeit und Macht niemals aufgeben kann. Erhat uns das Beispiel gegeben, nie zu verzagen, auch in schwierigen undverworrenen Zeiten nicht. Und am 30. September 1907 sagte ich imReichstag **, daß nur die Verbindung von altpreußischer, konservativerTatkraft und Zucht mit deutschem, weitherzigem, liberalem Geist dieZukunft der Nation zu einer glücklichen gestalten könne. Das habe ich mehrals einmal wiederholt, und das gilt auch heute. Macchiavelli hat recht, wenner sagt, daß die Völker immer wieder zum Ausgangspunkt ihrer Größezurückkehren müßten. Ritornare al segno.

Die Kaiserin Augusta war zu klug, zu weise, um nicht auch Potsdam würdigen zu können. Aber sie hielt es für die Aufgabe der Monarchie, aus-gleichend, versöhnend zu wirken. Sie wünschte nicht aufzuregen, sondernzu beruhigen. Sie wollte die Wunden heilen, welche die harte Hand des

Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 222; Kleine Ausgabe I, S. 246.

** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe III, S. 93/94, Kleine Ausgabe Y, S. 43.