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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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GRIMM, EUROPA

Gespräch wandte sich den Schicksalen der Ewigen Stadt zu, in der sich diebeiden großen Männer begegneten. Gregorovius erzählte mit Geist undFeuer manches Neue über das römische Mittelalter. Darauf Mommsen, alsGregorovius eine kleine Pause machte:Ich will Ihnen etwas sagen,schreiben Sie eine Geschichte Roms im Mittelalter. Vielleicht noch be-zeichnender für die Malice, über die Mommsen gebot, ist die Art und Weise,wie er einmal Herman Grimm abfertigte. Dieser, der Neffe von Jakob,Sohn von Wilhelm Grimm, hatte Biographien von Raffael und Michel-angelo verfaßt, auch einiges über Goethe geschrieben. Seine Werkestanden nicht ganz auf der Höhe der sehr guten Meinung, die er vonsich hatte. Er erzählte vor Mommsen, daß unter der Leitung von Stephandie deutsche Post staunenswerte Fortschritte tnache. Vor einigen Tagensei ein Brief aus Amerika richtig und pünktlich in seine Hände gelangt,der als Adresse nur die beiden Worte getragen habe:Grimm, Europa. Darauf Mommsen mit einem unbeschreiblich boshaften Blick:In Amerika scheint man nicht zu wissen, daß Jakob Grimm lange tot ist. HermanGrimm war mit Gisela von Arnim, der Tochter Bettinas von Arnim, des GoetheschenKindes, verheiratet. Sie versuchte die Originalitätihrer Mutter zu kopieren, aber ohne deren Geist und Temperamentzu besitzen.

Die Stimmung in Italien war während meines ersten Aufenthalts in demBel paese für Deutschland sehr freundlich. Es hing das auch damit zusam-men, daß der Ton der französischen Presse gegenüber Italien sehr gehässigwar. Der dem italienischen Nationalstaat feindliche Klerikalismus übte inFrankreich noch große Macht aus. Ausgesprochene Klerikale, wie derHerzog von Broglie, der Herzog Decazes, General Cissey und Fourton,saßen in der Regierung. Der Präsident der Republik, der Marschall MacMahon, war ein gläubiger Katholik und innerlich Legitimist. In ganzFrankreich fanden unausgesetzt Wallfahrten statt, bei denen für dieWiederherstellung der weltlichen Herrschaft des Papstes gebetet unddemonstriert wurde. In Civitavecchia lag die französische FregatteOrenoque, um den Papst, wenn er des französischen Schutzesbedürfen sollte, in Sicherheit zu bringen. Da sich gleichzeitig infolgedes deutschen Kulturkampfes das Verhältnis zwischen dem jungenDeutschen Reich und dem Päpstlichen Stuhl verschlechtert hatte undPapst Pius IX. seiner Unzufriedenheit über das Vorgehen der deutschen Regierung lauten und sehr ungenierten Ausdruck gab, fühlten sich dieitalienischen Patrioten doppelt zu Deutschland hingezogen. Die italienischeRegierung aber hütete sich wohl, die deutsche Kulturkampfpolitiknachzuahmen. Sie enthielt sich aller Eingriffe in das innere Leben derkatholischen Kirche.