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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER GELEHRTE AUF DEM BALL

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Ich war als Wallensteinscher Reitersmann gekleidet, da ich als guterPatriot keine ausländische Verkleidung anlegen wollte. Wenn ich michheute in Rom umsehe, erblicke ich nur noch wenige von denen, die diesesschöne Fest mitgemacht haben. Donna Teresa Caracciolo, die damals, einreizendes, schlankes Mädchen, am Arme ihres Bräutigams, des Fürsten Marco Antonio Colonna , durch die Säle des Palazzo Caetani schritt, istinzwischen eine siebzigjährige Matrone geworden, und wenn wir uns jetztbegegnen, freue ich mich an ihrer unverwelklichen geistigen Frische. AlbertoPansa , der, während ich der deutschen Gesandtschaft attachiert war, imitalienischen Ministerium des Äußern als Attache arbeitete und auf demBall Caetani ein herrliches Kostüm trug, wurde im weiteren Verlauf seinerKarriere mit drei Botschaften: Konstantinopel, London und Berlin ,betraut. Er geht im Winter jeden Sonntag mit mir auf dem Pincio spazieren,und wir tauschen alte Erinnerungen aus. Aber so viele andere Tänzer undTänzerinnen vom Kostümball Caetani im Februar 1875?

Wo sind sie hin? Es pfeift der Wind,

Es schäumen und wandern die Wellen.

Auf einem anderen Balle, den Keudell im Cafarelli gab, leitete ich dieTänze. Plötzlich winkte mich der Gesandte heran und sagte mir, daß IhreKönigliche Hoheit die Kronprinzessin Margherita unsern LandsmannGregorovius auffordere, mit ihr die nächste Quadrille zu tanzen. Ich ging Ferdinandauf Gregorovius zu und übermittelte ihm diese Aufforderung der hohen Gregorovius Frau. Er sah mich lange an, dann kreuzte er die Arme und sagte mir mitfeierlicher Stimme:Sagen Sie der Frau Prinzessin, daß FerdinandGregorovius nicht tanzt. Er betonte das Wortnicht mit starkemNachdruck. Die kleine Episode war mir charakteristisch für den schwerenErnst deutscher Gelehrter, tat aber meiner Bewunderung für Gregoroviuskeinen Eintrag. Es gibt wenige deutsche Schriftsteller, die ich mit solchemGenuß gelesen habe wie Gregorovius. Mein Freund, der englische Bot-schafter in Rom , Sir Rennel Rodd, sagte mir einmal, daß ihn der amerika-nische Präsident Roosevelt gefragt habe, welche Lektüre er ihm für einelange Reise empfehle, die er unternehmen wolle und auf der er viel Zeit zumLesen haben würde. Rodd hatte ohne Zögern erwidert:Die Geschichteder Stadt Rom im Mittelalter von Ferdinand Gregorovius . Ich teile dieBewunderung von Sir Rennel Rodd für dieses herrliche Buch.

Es ruft mir eine Äußerung Theodor Mommsens ins Gedächtnis, dieauf dessen Sarkasmus ein bezeichnendes Licht wirft. Mommsen machte inRom im Salon der Gräfin Ersilia Lovatelli, der Schwester des Herzogs vonSermoneta, die eine geistvolle und sogar gelehrte Dame war, die sich vielmit Archäologie beschäftigte, die Bekanntschaft von Gregorovius. Das