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PIO NONO
Onkel, der päpstliche Kriegsminister Graf Friedrich Merode, von 1860bis 1864 Waffenminister des Papstes, ihm gelegentlich und vertraulich dennachstehenden, für die Beziehungen zwischen Kirche und Staat in Italien bezeichnenden kleinen Vorfall erzählt hatte. Pius IX. , hinter dessen Stuhlder Graf Merode stand, empfing einen deutschen, katholischen Grafen.Dieser klagte über alles Leid, das die italienische Einheitsbewegung überdie Kirche gebracht habe. Der Papst hörte andächtig zu und gab hier undda Zeichen bewegter Zustimmung. Als der deutsche Herr entlassen wordenwar, sagte Pius IX. , der vergessen hatte, daß Merode noch hinter seinemStuhle stand, zu dem diensttuenden italienischen Kämmerer neben sich:„Questo bestione tedesco non capisce la grandezza e la bellezza dell’ideanazionale italiana. (Dieses deutsche Tier versteht nicht die Größeund Schönheit der italienischen Nationalidee.)“ Aus dieser und ähnlichenErzählungen Arenbergs hatte ich schon lange, ehe ich nach Rom kam,erkannt, daß die Beziehungen zwischen der Kurie und dem modernenItalien wesentlich komplizierter sind, als der Nichtitaliener annimmt.
Die Geselligkeit dieses Winters war sehr angeregt. Ich tanzte viel.
Römische Während eines Balles im Quirinal hatte ich bei dem sehr rasch getanztenGeselligkeit Kehraus-Galopp das Pech, Seiner Majestät dem König Viktor Emanuel II.
auf den Fuß zu treten. Ich sah in ein sehr erzürntes, hochrotes, überausmartialisches Gesicht mit einem riesigen Knebelbart. Ich hütete mich wohl,mich zu entschuldigen, sondern tanzte so rasch wie möglich weiter. Dergroße König hat Gott sei Dank nie erfahren, wer ihm auf den Fuß trat. Dasschönste Fest der Saison war ein Kostümball bei dem Herzog OnoratoSermonetain dem herrlichen Palazzo Caetani, ein echt römischer Palazzoin der Mitte der Stadt, in der engen und dunkeln Via delle Botteghe oscuregelegen, aber im Innern von einer Pracht, wie sie in Privathäusern anderswoals in Italien nicht häufig zu finden ist. Der Herzog war der Chef einer derwenigen uradligen römischen Familien und leitete seine Abstammung vonDocibilis I. Magnificus, Herrn von Gaeta ab, der in der Zeit der Karolinger lebte. Herzoge von Gaeta seit dem zehnten Jahrhundert, gaben dieCaetani der Kirche zwei Päpste, Gelasius II. im zwölften und Bonifazius VIII. im dreizehnten Jahrhundert. Das Grabmal der Caecilia Metella auf der ViaAppia, das jeder Romfahrer kennt, gehörte im Mittelalter den Caetani, die das Gebäude mit einem Zinnenaufsatz versahen und zum Turm einerRaubburg machten, von der aus sie, wenn es ihnen paßte, Streifzüge in dieCampagna unternahmen und gelegentlich auch einem ihnen imbequemenPapst Trotz boten. In mittelalterlicher Tracht sah der Herzog Onorato aufseinem Ball aus, als ob er am nächsten Tage allen seinen Feinden den Fehde-handschuh hinwerfen würde. Auch andere Kostüme, sowohl italienischewie französische, englische und deutsche, waren prächtig.