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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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KIRCHE UND STAAT

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herumtrieben. In Sizilien wurde die Postkutsche, mit der ich von Palermo nach Girgenti fuhr, von berittenen Karabinieri begleitet. Der Brigantaggiowar auf der schönen Insel noch nicht ausgerottet.

In Girgenti wurde ich in denCircolo Empedocle eingeführt, der nachdem berühmtesten Sohn der Stadt, dem Philosophen Empedokles benanntwar. Die dort anwesenden Herren führten ein politisches Gespräch. Ichfrug, was man in Girgenti von dem damaligen italienischen Minister-präsidenten, Marco Minghetti, denke. Man antwortete mir:Una ienaalterata di sangue. (Eine blutberauschte, blutdürstige Hyäne.) DieseÄußerung ist mir im Gedächtnis gebbeben, denn sie ist charakteristisch fürden Wert oder vielmehr Unwert parteipobtisch gefärbter Urteile. MarcoMinghetti war, wie heute ziembch allgemein anerkannt wird, einer dergemäßigtesten und weisesten Staatsmänner und gleichzeitig einer dergebildetsten und humansten Männer seiner Zeit.

Als ich von meiner mich sehr befriedigenden Reise durch Süditaben nachRom zurückkehrte, bot mir Keudell an, im Palazzo Caffarelb abzusteigen,wo ich ein im dritten Stock gelegenes Zimmerchen bezog, das eine herrbcheAussicht gewährte. Als ich nach und nach die Mitgbeder anderer Missionenkennenlernte, hörte ich namentbch von Österreichern und Franzosen sagen,daß ein Zusammenleben des Papstes und des Königs von Itaben in Rom auf die Dauer nicht möglich sei. ,,Ceci tuera cela, meinte ein geschwätzigerfranzösischer Kollege, der Vicomte de Mareuil.Entweder der Papstexkommuniziert den König, oder der König läßt den Vatikan besetzen, inbeiden FäUen großer Krach.

Je mehr ich Gelegenheit batte, mich über den Stand dieses Problemszu unterrichten, desto mehr wurde mir klar, daß die Ausländer dierömischen Verhältnisse oft falsch beurteilen und namentbch jeneitabenische Gabe unterschätzen, die Anatole France dasgenie itabende la juxtaposition genannt hat. Eine kathobsche deutsche Dame er-zählte mir, daß Pius IX., der bekanntlich geistvoll und sogar witzig war,sie gefragt habe, was sie in Rom am merkwürdigsten gefunden hätte. Sieantwortete natürbch:Die Peterskirche. Der Heibge Vater schüttelte denKopf. Da meinte sie:Das Forum und den Palatin. Wiederum schüttelteder Heibge Vater den Kopf und sagte sodann lächelnd:Das Merkwürdigstebleibt doch, daß in Rom ich, der Papst, der König Viktor Emanuel undGaribaldi zusammen leben und daß wir uns untereinander nicht auf-fressen. Garibaldi war damals zum Abgeordneten gewählt worden. Ichbin ihm öfters begegnet. Er hatte schöne, gütige Augen, ein sehr einfachesAuftreten, etwas Naives, Schwärmerisches und dabei doch Heroisches.

Von meinem Freunde, dem Prinzen Franz Arenberg, hatte ich schon, alswir zusammen am Landgericht in Metz arbeiteten, gehört, daß sein