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EIN GIFTPFEIL HOLSTEINS
Deshalb zog er neben seinem Vetter, dem Grafen Karl von Bismarck-Bohlen, auch Robert von Keudell als Mitarbeiter in das Ministerium desÄußern, wo dieser die neun bedeutungsvollen Jahre von 1863 bis 1872 alsPersonaldezernent verlebte.
Weshalb verlor Keudell später das Vertrauen seines großen Chefs?Vielleicht hat es diesen verstimmt, daß Keudell, nachdem er sich mit derreichen Tochter des früheren liberalen Handels- und Finanzministers vonPatow vermählt hatte, ins Ausland drängte. Es scheint, daß Keudell, dergute Beziehungen zu Publizisten und Literaten hatte, nach der Ansichtseines hohen Chefs zu viel Reklame für sich machte. Zweifellos haben aberauch Intrigen von Holstein, der, seitdem er 1860 als Attache in St. Peters-burg unter Bismarck gedient hatte, dessen intimster Vertrauensmanngeworden war, dazu beigetragen, das Verhältnis zwischen Bismarck undKeudell zu trüben. Keudell hat mir selbst, als ich Attache bei ihm war,erzählt, Holstein habe Bismarck eingeredet, Keudell habe in Berlin dieNachricht verbreitet, daß von ärztlicher Seite behauptet würde, der großeMinister gehe einer Gehirnerweichung entgegen, die mit der Zeit zu völligerGeistesstörung führen würde. Jedenfalls ein echt Holsteinscher Giftpfeil.
Als ich in Rom 1874/75 unter Keudell arbeitete, war das Verhältniszwischen ihm und seinem Chef äußerlich noch leidlich. Die FürstinJohanna schrieb regelmäßig an ihren Jugendfreund. Sie hatte auch dessenGattin, die sehr liebe und gütige Frau Hedwig, in ihr Herz geschlossen.Aber Keudell fühlte sich nicht mehr sicher und sprach nicht selten davon,daß er sich nach Ruhe sehne. Er reichte an diplomatischer Brauchbarkeitan andere deutsche Vertreter der Bismarckschen Zeit, wie Paul Hatzfel dt,Schweinitz, Savigny , Goltz, Prinz Heinrich VII. Reuß, nicht heran. Erbesaß nicht die Gedankentiefe Lothar Buchers oder meines Vaters.Aber er war fleißig und gewissenhaft, er hatte den ostpreußischen klarenund nüchternen Verstand. In Rom war er allgemein beliebt. Er galt mitRecht für einen Bewunderer und Freund des modernen Italien . Die damalssehr zahlreiche deutsche Kolonie schwärmte für Keudell.
Mein Chef hatte mir einen guten Rat gegeben, als er mir empfahl,Neapel Neapel und Sizilien zu besuchen. Ich denke nicht daran, die dort imund Sizilien Herbst 1874 verlebten Wochen zu beschreiben, da ich nicht den Ehrgeizhabe, mit Goethe zu wetteifern. Den Vesuv bestieg ich zu Fuß, was bei derherrschenden Hitze einigermaßen anstrengend war. Ein dicker württem-bergischer Herr, der mit mir hinaufkletterte, wurde vom Schlag gerührt.Wegen seiner Beisetzung gab es allerhand Schwierigkeiten, weil diekatholische Geistlichkeit der umliegenden Orte dem armen schwäbischenKetzer keinen Platz in geweihter Erde gönnte. In Sorrent wurde ich ge-warnt, die Berghöhe des Deserto aufzusuchen, da sich dort Briganten