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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DER ATTACHE MACHT BESUCH

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Am 15. Oktober 1874 in Rom eingetroffen, stieg ich an der Piazza diSpagna im Hotel de Londres ab, dem heutigen Hotel des Princes. Dann Rom suchte ich den auf der Höhe des Kapitols gelegenen Palazzo CaffareUi auf,in dem ich gerade zwanzig Jahre später als Botschafter mit meiner geliebtenFrau glückliche Jahre verleben sollte. 1874 empfing mich der Gesandte vonKeudell (Rom wurde erst später zur Botschaft erhoben) mit biederemHändedruck, aber ohne ein Wort zu sagen. Dann wurde das Luncheongemeldet, zu dem außer mir der schon vor längerer Zeit in Rom eingetroffeneRittmeister Otto von Senden von den 2. Garde-Dragonern eingeladen war,den ich als Regimentskameraden meines Bruders Adolf gut kannte.

Während des Frühstücks sprach Keudell kaum ein Wort. Nachdem wirstumm eine Zigarre geraucht hatten, schlug er mir vor, am nächsten Tagenach Neapel abzureisen, das ich so bald wie möglich kennenlernen müßte.

Von dort möge ich nach Sizilien fahren, auf das ich mindestens drei Wochenverwenden solle. Ich war durch diesen Empfang von seiten meines neuenChefs etwas enttäuscht. Ich hatte nicht erwartet, daß er gleich Problemeder italienischen Politik zur Sprache bringen würde, aber ich hatte immer-hin auf einen Hinweis auf meine künftige Tätigkeit unter seiner Leitung,auf eine Art dienstlicher Ermunterung gerechnet. Als ich mit Otto Sendenan den rossebändigenden Dioskuren vorbei die Flachtreppe des Kapitolshinunterstieg, sagte ich zu ihm:Keudell scheint es gräßlich zu sein, daßman mich ihm als Attache geschickt hat. Er hat kein Wort mit mir geredet.

Ich werde meinem Vater schreiben und ihn bitten, mich an eine andereMission zu versetzen. Der Wechsel tut mir leid, denn ich hatte mich so aufRom gefreut und hoffte hier einen schönen Winter zu verleben. Sendenerwiderte mir lachend:Ich fand im Gegenteil Keudell heute eher gesprächig.Gewöhnlich gibt er noch weniger von sich.

Robert von Keudell war in der Tat einer der einsilbigsten Menschen, diemir vorgekommen sind. Solange er bei Bismarck gut angeschrieben war, Keudell undgalt seine Schweigsamkeit für einen Beweis von Gedankentiefe und geistiger BismarckÜberlegenheit. Als er später bei dem großen Kanzler in Ungnade fiel, hießes, seine völlige Unbedeutendheit zeige sich auch darin, daß er nie den Mundauftue. Keudell dankte seine Karriere nicht zuletzt dem Umstand, daß erals junger Mann mit Fräulein Johanna von Puttkamer vierhändig Klaviergespielt hatte. Die gute, treue Johanna hat ihrem Jugendfreunde RobertKeudell stets ihre Freundschaft bewahrt, auch nachdem sie den großenOtto Bismarck geheiratet hatte. Während dieser Gesandter in Frankfurt war, hatte Keudell mehrfach als Logierbesuch im Bismarckschen Hausegeweilt. Auch in St. Petersburg hat er die Bismarcks besucht. Als Bismarck zum Ministerpräsidenten und Minister des Äußern ernannt wurde, empfander das Bedürfnis, sich mit einigen ganz sicheren Mitarbeitern zu umgeben.