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In Lyon stand ich auf der Place des Brotteaux. Hier hatte von einemBalkon aus, zwischen zwei wenig bekleideten Kurtisanen sitzend und einewohlgedeckte Tafel vor sich, Joseph Fouche sich an dem Anblick derTausende geweidet, deren Kopf unter dem Fallbeil der Guillotine fiel, dieauf dem Platz aufgestellt war. Zu gleicher Zeit wurden Esel durch dieStraßen getrieben, an deren Schwänzen heilige Kirchengefäße angebundenwaren, auf deren Profanierung es Fouche, ein ehemaliger Mönch, besondersabgesehen hatte. Diese Vergangenheit verhinderte ihn nicht, unter Napoleon erst Polizeipräfekt von Paris und dann Minister des Innern zu werden.Allerdings erfreute Fouche sich eines unerschütterlichen Aplomb. Bei demgroßen Galadiner, das Napoleon zu Ehren seiner Vermählung mit derErzherzogin Marie Luise in den Tuilerien gab, frug er den ihm gegenübersitzenden Fouche, den er zum Herzog von Otranto erhoben hatte, mit derihm gelegentlich eigenen Brutalität: ,,Est-ce vrai, Duc d’Otrante, que vousavez vote la mort du roi Louis XVI, oncle de l’Imperatrice qui est assise äma droite?“ Mit lauter, dröhnender Stimme erwiderte Fouche: „Par-faitement, Sire, et c’est meme le premier Service qu’il m’a ete donne derendre ä Votre Majeste Imperiale et Royale.“
Avignon, Nimes, Toulon und Marseille haben um die gleiche Zeit, 1793,ähnliche Schandtaten gesehen. Nach dem Sturz von Napoleon wütetein Südfrankreich die Terreur blanche, die es nicht viel besser trieb alsseinerzeit die Terreur rouge und der u. a. der Marschall Brune inAvignon zum Opfer fiel, den der Pöbel in Stücke riß. Alles das vergißtganz Frankreich, wenn die Marseillaise ertönt: „Aux armes, citoyens, formezvos bataillons.“ Bei uns ist es niemals zu annähernd so blutigen Partei-kämpfen gekommen wie in Frankreich, aber die Parteien werfen sich Redenvor, die dieser oder jener Angehörige der Gegenpartei vor einem Jahr-zehnt gehalten hat.
In Genova la superba gedachte ich des „republikanischen Trauerspiels“Florenz und unseres Schiller, des „Fiesco“, während ich die herrlichen AdelspalästePisa Durazzo, Pallavicini, Balbi, Doria besuchte. Auf Florenz verwandte ichacht Tage. Der schöne Roman „Le Lys rouge“ von Anatole France warnoch nicht geschrieben, sonst hätte ich ihn vor meiner Ankunft in Firenze,la bella, gelesen, um mich in die richtige Stimmung zu versetzen.
Eine besondere Anziehungskraft hat immer Pisa auf mich ausgeübt.Wenn ich mich gelegentlich abgehetzt fühlte oder mich geärgert hatte,dachte ich, wie schön es sein müßte, im stillen Pisa zu leben, vormittagsden herrlichen Campo Santo zu besuchen, dessen Wandgemälde uns soergreifend die Macht und den Ernst des Todes vor Augen führen, nach-mittags am Lungarno zu schlendern und auf den Fluß zu blicken, der ruhigund still vorbeifließt.