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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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FRANZÖSISCHE ZENTRALISATION

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des Innern anstandslos einen Präfekten von Lille nach Montpellier , vonBordeaux nach Nancy versetzen kann und daß das französische Volk inentscheidender Stunde, wenn von energischer Hand geführt, nur einenWillen hat. Daß sich Frankreich nach Niederlagen, nach jedem Mißgeschickimmer wieder rasch erholt hat, ist nicht zum kleinsten Teil auf die vonRichelieu, dem Konvent und Napoleon I. durchgeführte und von allenfranzösischen Regierungen aufrechterhaltene straffe Zentralisation und dieaus ihr hervorgehende innere Einheit der französischen Nation zurück-zuführen. In der meisterhaften Rede, in der Thiers am 19. Februar 1871 inder französischen Nationalversammlung in Bordeaux die Notwendigkeitdes Friedens mit Deutschland auseinandersetzte, hob er als einen derGründe, aus denen er auch in dieser für Frankreich grausamen und furcht-baren Stunde nicht an der Zukunft seines Landes verzweifele, dessenalteund mächtige Einheit hervor. Die französische Einheit ist auch derHauptgrund, weshalb das französische Volk Gebietsabtretungen schmerz-licher empfindet als andere Völker und speziell als das deutsche Volk. Diemeisten Franzosen hatten nach dem Frankfurter Frieden wirklich dieEmpfindung, als ob sie mit Straßburg und Metz ein Glied ihres Körpersverloren hätten. So charakterisierte mir gegenüber einmal ein französischerMinister des Auswärtigen, Challemel-Lacour, persönlich weder ein Chau-vinist noch besonders deutschfeindlich er hatte sogar Schopenhauergekannt und übersetzt, die französische Mentalität seit dem FrankfurterFrieden. Denkt die Mehrheit der Deutschen ebenso über den Verlust vonWestpreußen und Posen, die wir seit über hundert Jahren besaßen, vonThorn und Graudenz und Bromberg, von Danzig und Memel, von Ober-schlesien , das nie polnisch war, über den Verlust der wunderschönen StadtStraßburg und der Feste Metz, über die ungeheuren Verluste des Deutsch-tums in fast allen Teilen der früheren österreichischen Monarchie?

Das Zweite, was mich diese Reise durch Südfrankreich lehrte, war, daßdieses Land zwar heftigere innere Kämpfe gekannt hat als irgendein anderesLand, daß aber die Franzosen leichter, viel leichter als wir Deutschen , ichsage das zum Ruhm der Franzosen , sich wieder in gleicher Liebe zu ihremVaterland zusammenfinden. Die Geschichte hat, wenn wir von dem involler Entwicklung befindlichen bolschewistischen Rußland absehen, kaumgrößere Greuel, blutigere innere Kämpfe gesehen als in Frankreich . WievielBlut floß unter der Herrschaft des Konvents!Quatre-vingt-treize, epou-vantable annee, de lauriers et de sang grande ombre couronnee! sang derfranzösische Dichter, und er denkt zuerst an den Siegeslorbeer, mit demsich damals Frankreich bekränzte, dann erst an das stromweise vergosseneBlut. Wieviel Blut floß in Paris 1849, während des Juni-Aufstandes und1871 während der Kommune!

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