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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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XXIII. KAPITEL

Attache in Rom Reise durch Südfrankreich und Italien Eintreffen in Rom (15. X.1875) Gesandter von Keudell Reise nach Sizilien Gregorovius Mommsen Römi-sche Gesellschaft Pius IX. und das Königreich Italien Kirche und Staat in Italien

I m Herbst 1874 sagte mir mein Vater, er halte es, nachdem ich nunmehr

__ meine erste Ausbildung im Auswärtigen Amt erhalten hätte, für angezeigt,

Ausland mich ins Ausland zu schicken.Wo möchtest du denn hin ? Ich antworteteohne Besinnen:Nach Italien! Mein Vater schlug mir gütig vor, mir beidiesem Anlaß auch Südfrankreich anzusehen. So machte ich mich aufden Weg.

Nachdem ich einige Tage an dem mir immer lieb gebliebenen Genfer See verweilt hatte, besuchte ich Lyon, Avignon, Nimes, Tarascon, Arles, Marseille, Toulon, Nizza. Bevor ich meine Italienfahrt antrat, hatte icheinige gute Bücher gelesen: Taine,Voyage en Italie, Stendhal, Rome,Naples et Florence, und von demselben Stendhal diePromenades dansRome. Ich las die drei Bände, die Adolf Stahr, der Gatte von FannyLewald, 1847 unter dem TitelEin Jahr in Italien veröffentlicht hat, einBuch, das mir auch heute nicht antiquiert erscheint und das ich jedemDeutschen empfehlen möchte, der über die Alpen geht. Ich las diePhilosophie de lart en Italie von Hippolyte Taine, ich las andächtigdieChartreuse de Parme von Stendhal, das psychologisch feinste Werk,das über Land und Leute in Italien geschrieben worden ist. Als ich vormeiner Abreise von meinem Vater Abschied nahm, legte er mir als letztenRat das Wort Goethes ans Herz:Lust, Freude an den Dingen ist das einzigReale und was wieder Realität hervorbringt, alles andere ist eitel undvereitelt nur.

In Südfrankreich frappierte mich zweierlei: Die außerordentliche Gleicli-Süd- förmigkeit Frankreichs. Die Menschen in der Provence waren in ihrenfrankreich Gewohnheiten und Sitten, in ihrem Auftreten dieselben wie in der mir schonbekannten Normandie und Picardie. Überall tranken die pensioniertenOffiziere nachmittags ihren Absinth, spielten die Bürger an den Tischenvor den Cafes Domino, besuchten die Frauen morgens die Messe, wartetealles auf die Zeitungen aus Paris. Ich begriff 1 , daß ein französischer Minister