EIN DROHBRIEF BISMARCKS
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Im Februar 1875 hatte Pius IX. an den preußischen Episkopat eineleidenschaftliche Enzyklika gerichtet, in der er „allen, welche es angeht“,d. h. zunächst den preußischen Katholiken, „ganz offen“ erklärte, daß dieMaigesetze, die unter voller Wahrung der durch die preußische Verfassungvorgeschriebenen Form zustande gekommen waren, ungültig seien, was,wenn auch nicht ausdrücklich, so doch implicite die Entbindung derkatholischen preußischen Untertanen von der Pflicht des Gehorsams gegendie Maigesetze bedeutete. Nicht lange nachher eröflfnete mir Herr von Keu-dell mit sorgenvollem Gesicht, er habe aus Berlin einen überaus heiklenAuftrag erhalten. Fürst Bismarck habe ihm geschrieben, er lasse sich denöffentlichen Tadel und die Drohungen des Papstes nicht länger gefallen.Vor der Besitzergreifung Roms durch Italien würde er einfach manumilitari gegen den Pontifex Maximus vorgegangen sein, wie dies in ver-gangenen Jahrhunderten Frankreich, Spanien und die römischen Kaiserdeutscher Nation mehr als einmal getan hatten. Jetzt müsse er dieitalienische Regierung für das Verhalten des Papstes verantwort-lich machen und sie ernstlich ersuchen, ihn zur Ruhe zu bringen. Keudellfühlte, daß die Ausführung dieses Auftrags schwierig war, andererseitszitterte er vor seinem großen Chef, dessen Temperament er nur zu gutkannte. Er beschloß, seinen Auftrag noch am selben Abend während einesHofballes im Quirinal auszuführen. Er wies mich an, wenn er mit demMinister des Äußern, Visconti - Venosta, ein Gespräch beginnen sollte,mich in seiner Nähe zu halten, um, wenn er über die Unterredung nachBerhn berichte, seinem Gedächtnis zu Hilfe kommen zu können.
Emiho Visconti-Venosta , damals fünfundvierzig Jahre alt, war einerder berechnendsten und vorsichtigsten Politiker, die mir vorgekommensind. Ich glaube nicht, daß er je in seinem Leben auf irgendeinem Gebieteine Dummheit begangen hat. Er stammte aus dem Veltlin und besaß dieGerissenheit (furberia) der Bewohner dieser Landschaft, die während sovieler blutiger Kämpfe des Mittelalters sich bald der Schweizer , bald derMailänder erwehren mußten. In jungen Jahren nach Mailand gekommen,hatte er sich dort der radikalen Partei angeschlossen und Zeitungsartikelgeschrieben, in denen er das Volk auflforderte, die Straßen der Stadt mitden abgeschnittenen Köpfen der Aristokraten zu pflastern. Später heß ersich nicht ungern zum Marchese erheben. Er war, wie ich schon erwähnte,Privatsekretär von Mazzini gewesen. Er wurde viermal Minister des Aus-wärtigen, zuletzt 1896, während ich Botschafter in Rom war.
Keudell benutzte einen Augenbhck, wo Visconti allein in einer Ecke desgroßen Tanzsaales stand, um auf ihn zuzugehen, gefolgt von mir, dembescheiden, aber aufmerksam zuhörenden Attache. Wie sich die beidengegenüberstanden, der biedere, im Grunde warmherzige Deutsche und der
Enzyklikagegen dieMaigesetze