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DER SOUVERÄNE PAPST
kühle, vorsichtige Italiener, bildeten sie einen pikanten Kontrast. WährendKeudell eifrig, wenn auch mit sichtlicher Verlegenheit, häufig stockend,mit rotem Kopf, auf den Minister einsprach, zupfte dieser, ohne eine Mienezu verziehen, an seinen langen, rotblonden Bartkoteletten. Als der Gesandtegeendigt hatte, schwieg Visconti mindestens fünf Minuten, was Keudellsinnere Unruhe und Verlegenheit steigerte. Dann erwiderte Visconti, jedeSilbe betonend: „Ich muß diese unerwartete, mich sehr überraschendeEröffnung zunächst dem Ministerpräsidenten Minghetti und SeinerMajestät dem König zur Kenntnis bringen. Ich glaube aber schon jetztfolgendes sagen zu können: Es ist der italienischen Regierung unmöglich,in der gewünschten Richtung einen Druck auf den Papst auszuüben. Dasstünde in Widerspruch mit den Gefühlen des katholischen italienischenVolkes, es stünde aber auch in Widerspruch mit dem von Kammer undSenat angenommenen und vom König bestätigten Garantiegesetz vom16. Mai 1871, durch das dem Papst nach der Einverleibung Roms in Italien seine Stellung als unabhängiger Souverän gesichert wurde. Es heißtin Artikel I des Garantiegesetzes: ,Die Person des Papstes (sommo pontifice)ist heilig und unverletzbar. 4 Da aber Italien auf die von ihm hochgeschätz-ten guten Beziehungen mit dem Deutschen Reich nicht verzichten willund kann, werde ich, wenn der von uns allen bewunderte Fürst Bismarck auf seinem Willen besteht, dem Ministerpräsidenten und Seiner Majestätdem König Viktor Emanuel Vorschlägen, Rom zu räumen und die italie-nische Hauptstadt nach Neapel zu verlegen.“ Als Keudell, der sehr wohldie Ironie in der Antwort des italienischen Ministers fühlte, andererseitsaber voraussah, daß das bisherige Ergebnis seiner Demarche den FürstenBismarck kaum befriedigen würde, insistierte, hüllte Visconti sich inSchweigen. Es blieb Keudell nichts übrig, als, von mir gefolgt, den Rückzuganzutreten.
Am nächsten Tage berichtete der Gesandte brieflich dem Kanzler überVatikan und den Verlauf seiner Unterredung mit Visconti. Fürst Bismarck ist auf dieQuirinal ganze Sache, während ich in Rom war, nicht wieder zurückgekommen.
Dagegen wurde das Verhältnis zwischen Papsttum und Italien, wie ichvorgreifend hier schon erwähnen möchte, bei der Begegnung, die imOktober 1875 in Mailand zwischen Kaiser Wilhelm und König ViktorEmanuel stattfand, von meinem Vater mit Minghetti erörtert. Der Kaiserwar von meinem Vater begleitet. Fürst Bismarck hatte diesen angewiesen,den italienischen Ministerpräsidenten ernstlich vor weiterer Schwächegegenüber dem Papsttum zu warnen. Wenn die italienische Regierung sichnicht zu größerer Energie aufraffe, werde der italienische Nationalstaatan den Umtrieben und Intrigen der Kurie zugrunde gehen. Als mein Vaterin Mailand in diesem Sinne mit Minghetti sprach, antwortete ihm der