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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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DIE FÜRSTIN Y.

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hatte. In ihrem Wesen lag etwas Lässiges, Gleichgültiges, gewissermaßenVerhaltenes, das die Sinne reizte. Wenn nicht ein langer Galopp oder einrascher Tanz sie erhitzt hatte, bedeckte eine bei deutschen Frauen selteneBlässe das wohlgeformte Oval ihrer Wangen. Während ich die schöne Fraunicht ohne Bewunderung betrachtete, sprach mein Chef zu mir:Ich stelleSie der Fürstin Y. vor, der Sie die Honneurs unseres Caffarelli machensollen. Erzählen Sie ihr die Geschichte unseres Palazzo. Ich muß mich nochanderen Damen widmen.

Die Fürstin nahm meinen Arm, und wir machten einen Rundgang durchdie Säle. Ich erzählte ihr die Geschichte des Palazzo, der ein halbes Jahr-hundert später dem Reich verlorengehen sollte.Die Calfarelli, setzte ichihr auseinander,waren eine alte Herzogsfamilie, die schon im dreizehntenJahrhundert zu der kaisertreuen Ghibellinischen Partei stand. Ein Caffarellifiel auf dem Schlachtfeld von Tagliacozzo als treuer Gefolgsmann unseresarmen und lieben Konradin von Schwaben. Meine schöne Begleiterinhörte aufmerksam zu.Sie stehen, belehrte ich sie weiter,auf demKapitolinischen Hügel, auf den Fundamenten eines alten Jupitertempels,aber gleichzeitig umgeben Sie hehre deutsche Erinnerungen. Auch imsechzehnten Jahrhundert waren die Caffarelli Anhänger der DeutschenKaiser. Dafür wurden sie belohnt, als Kaiser Karl V. , der große CarolusQuintus, im Laufe seiner Regierung einmal Rom besuchte. Er ernannte denjungen Ascanio Caffarelli, der ungefähr in meinem Alter stand, das heißtvierundzwanzig Jahre alt war, zu seinem Pagen und schenkte ihm, nachdemer längere Zeit persönlich Dienste bei ihm getan hatte, den südlichen Teildes Kapitolinischen Hügels. Mir hat noch niemand ein so schönes Geschenkgemacht. Als der so ausgezeichnete Ascanio als Greis wieder in seine Heimatzurückkehrte, ließ er sich auf seinem neuen Grundstück durch den trefflichenCanonica, einen Schüler des großen Baumeisters Giacomo Vignola , einenPalast erbauen, unseren Caffarelli, den Sie mit Ihrer Gegenwart beglücken.Hier hausen seit einem halben Jahrhundert deutsche Diplomaten. Der ersteDeutsche von Namen, der hier geweilt hat, war der Sohn von Goethe, derfreilich ein weniger großer Poet war als sein Vater. Er soll in seinem Lebennur einen einzigen Vers gemacht haben. Der lautet: ,Hier steh ich auf demKapitol und weiß nicht, was ich sagen soll. 4 Hier hat als Gesandter beimPapst der Historiker Barthold Niebuhr gewirkt, der eine dreibändige, ganzausgezeichnete Römische Geschichte geschrieben hat, mit der ich Sie ver-schonen will. Nach ihm kam Josias von Bunsen, den Bismarck nicht mochte,der aber bei Friedrich Wilhelm IV. in großer Gunst stand. Ich führte dieFürstin in ein kleines Zimmer neben dem großen Saal.In diesem kleinenZimmer, fuhr ich fort,hat sich in den fünfziger Jahren eine Tragödieabgespielt. Preußischer Gesandter war damals ein Herr von Kanitz, ein

Palazzo

Caffarelli