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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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HERR VON KANITZ

tüchtiger und allgemein beliebter Mann. Zum Besuch weilte in Rom derPrinz Friedrich Wilhelm von Preußen, unser jetziger Kronprinz. Er war imCaffarelli abgestiegen. Am Abend sollte ein großes Diner stattfinden. Alleeingeladenen Gäste waren gekommen. Auch Prinz Friedrich Wilhelm warschon erschienen. Nur der Gastgeber fehlte. Endlich trat er ein. Aber wie!Er erschien in dem Anzug, in dem die römischen Fuchsjagden gerittenwerden, also in rotem Rock, weißen Breeches und Stulpenstiefeln, eineHetzpeitsche in der Hand. Natürlich war alle Welt starr. Nur einer derAnwesenden bewahrte seine Geistesgegenwart, der damalige französischeGesandte, der Herzog Agenor von Gramont. Der hat erst viel später denKopf verloren, nämlich am 6. Juli 1870, als er seine dumme, provozierendeRede im Pariser Gesetzgebenden Körper hielt. Damals in Rom behielt erallein den Kopf oben. Er faßte den ihm persönlich befreundeten Herrn vonKanitz unter den Arm, flüsterte ihm zu, er habe ihm etwas sehr Wichtigesund Vertrauliches mitzuteilen, und brachte ihn in dieses kleine Zimmer.Dort blieb Kanitz die ganze Nacht, bewacht von dem trefflichen KanzleiratSchulze, der noch lebt und den Sie täglich unter einer Palme vor der CasaTarpeia sitzen sehen können, mit einer langen deutschen Pfeife im Munde.Der arme Kanitz ist übrigens wieder ganz bei Trost. Als ich im vorigenWinter bei einem Diner neben ihm saß, erzählte er mir seine ganze Leidens-geschichte und schloß mit den Worten: ,Daß ich Ihnen das alles sage,beweist Ihnen, daß ich gar nicht mehr verrückt bin. 4 Ich sprach derFürstin auch von dem armen Friedrich Wilhelm IV., der als gemütskrankerMann, nachdem er seinen Bruder Wilhelm mit seiner Stellvertretung betrauthatte, einige Wochen in Caffarelli weilte und in der erhabenen Größe derrömischen Trümmerwelt Trost und Erholung fand.

Während ich noch im besten Erzählen war, näherte sich der schönenFürstin ihr Gemahl. Wie das leider bisweilen der Fall ist, stand er in keinerWeise auf der Höhe seiner Frau, weder als äußere Erscheinung noch aninnerem Wert. Es schien ihr nicht erwünscht, daß er das Zeichen zum Auf-bruch gab. Sie drückte mir die Hand und gab der Hoffnung Ausdruck, daßich sie auch in den nächsten Tagen als Cicerone führen würde, aber nichtdurch die Säle des Caffarelli, sondern durch das Ewige Rom. Ich erwiderte,daß mir das leider unmöglich sei, ich würde mich am nächsten Morgen ganzfrüh nach Albano begeben.Und warum? fragte sie. Ich erwiderte, daßich dort in völliger Abgeschiedenheit und Stille eine Arbeit über dieitalienischen Finanzen für das mir bevorstehende diplomatische Examenverfassen wolle. Nicht ohne Gereiztheit erwiderte sie:Sie ziehen also demVerkehr mit mir Ihre lederne Prüfungsarbeit vor. Ohne mir die Hand zureichen, verließ sie mit ihrem Gatten das Fest. Die Empfindung, mit derich mich von ihr trennte, war unklar. Ich hatte vor allem den Eindruck,