BYRON ALS FREMDENFÜHRER
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daß von der Frau, deren Arm während einer Stunde in meinem geruht hatte,ein dämonischer Zauber ausging und daß das Schicksal uns wieder zu-sammenführen würde. Zum Guten? Zum Bösen? Das ruhte noch imZeitenschoße.
Am nächsten Morgen fuhr ich auf der Via Appia Nuova an Zypressenund Pinien, Steineichen und Oliven vorbei nach Albano. Ich fuhr in einer Albano alten gelben Postkutsche zwischen zwei dicken Bäuerinnen, die stark nachKnoblauch dufteten. In Albano angelangt, suchte ich eine kleine, be-scheidene Osteria auf. Man wies mir ein Stübchen an, in dem außer demBett nur ein Tisch und ein Rohrstuhl standen, aus dessen Fenstern ich abereine herrliche Aussicht auf die Campagna hatte. Und am Rande dieserklassischen Landschaft erblickte ich einen schmalen blauen Streifen, dasMeer, das Tyrrhenische Meer .
Für ein paar Soldi erwarb ich Tinte, Feder und das ordinärste Konzept-papier, auf dem ich je geschrieben habe. Dann machte ich mich an dieArbeit, für die ich statistisches Material mitgebracht hatte, in derselbenArt wie drei Jahre früher an der Ostsee, in Greifswald . Nur daß ich inAlhano nicht ritt, sondern nachmittags ein bis zwei Stunden an demherrlichen Albaner See umherschlenderte.
Die Arbeit war in acht Tagen fertiggestellt. Dann kehrte ich nach Rom zurück, diesmal nicht mit der Postkutsche, sondern per pedes apostolorumauf der Via Appia Antica, an einem herrlichen Frühlingsmorgen. Als ichnachmittags auf dem Corso schlenderte, begegnete ich der Fürstin Y. DieBegrüßung von ihrer Seite war nicht so ungnädig, wie ich angenommenhatte. ,,Da sind Sie ja, Sie Ausreißer! Jetzt entwischen Sie mir aber nichtwieder. Von heute ab lege ich Beschlag auf Sie.“ Am nächsten Tagebegannen wir denn auch unsere Wanderungen. Als Führer nahm ich nichtden Baedeker, auch nicht den Gsell-Fels, sondern Byron, Canto IV des„Childe Harold“. Ich führte sie nach der Peterskirche.
But lo! the dome — the vast and wondrous dome,
To wliich Diana’s marvel was a cell —
Christ’s mighty shrine above his martyr’s tomb!
Thou, of temples old, or altars new,
Standest alone — with nothing like to thee —
Worthiest of God, the holy and the true.
Since Zion’s desolation, when that HeForsook his former city, what could be,
Of earthly structures, in his honour piled,
Of a sublimer aspect? Majesty,
Power, Glory, Strength, and Beauty, all are aisledIn this eternal ark of worship undefiled.