KEUDELL SEUFZT
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Potsdam ist“, meinte seufzend der General Mischke, neben dem ich placiertwar. „Sie hat große Eigenschaften, reiche Gaben, Charakter, Verstand undauch Herz. Aber sie kann sich nun einmal nicht an unsere preußische Artgewöhnen.“
Am Abend war Galavorstellung im Teatro della Pergola . Ich saß in einerkleinen Loge, neben einer größeren, in der Donna Laura Minghetti und ihrereizende Tochter saßen, wurde aber wiederum von ihnen keines Blickesgewürdigt. Meine liebe und von mir sehr geliebte Schwiegermutter amüsiertees in späteren Jahren köstlich, wenn ich ihr sagte, ich würde ihr diese kühleHaltung gegenüber einem so charmanten jungen Mann, wie ich es gewesensei, niemals verzeihen.
Am nächsten Tage trat Keudell früh in mein Zimmer. Im Gegensatz zuseiner sonstigen kühlen Art war er sichtlich erregt. Er sagte mir, er müssesich mit mir aussprechen, denn er habe soeben eine Nachricht erhalten, dieihn tief erschüttert habe. Er fühle das Bedürfnis, mir sein Herz auszu-schütten. Wenn ich auch noch jung sei, so sei ich doch über meine Jabregereift. Auch wisse er sich meiner Diskretion sicher. „Ich habe die mirgnädig gesinnte Donna Laura Minghetti, die Gemahlin des Minister-präsidenten, gebeten, die Umgebung der kronprinzlichen Herrschaften zusondieren, wie ich bei Ihren Kaiserlichen Hoheiten angeschrieben wäre. DasErgebnis ist für mich wahrhaft betrübend. Donna Laura hat mit demKammerherrn der Frau Kronprinzessin, dem Grafen Götz von Seckendorff ,gesprochen, der sich des vollen Vertrauens Ihrer Kaiserlichen und König-lichen Hoheiten erfreut und andererseits Donna Laura sehr devouiert ist.Er hat Madame Minghetti ganz offen und ganz bestimmt gesagt, daß dieFrau Kronprinzessin mich nicht ausstehen könne. Sie hielte mich für einenblinden Anhänger von Bismarck , für einen von jenen bösen Leuten, die,um nicht Bismarcks Gunst zu verlieren, zu jeder Schandtat bereit wären.“Keudell seufzte tief. Dann fuhr er fort: „Und während die Frau Kron-prinzeß mich für einen blinden Bismarckianer hält, fühle ich, daß ich beimFürsten nicht mehr so gut angeschrieben bin wie früher. Ich sehe trübe inmeine Zukunft. Ich fühle mich in Rom so glücklich. Ich hänge so sehr anmeinem römischen Posten.“ So gut ich es vermochte, suchte ich meinenChef zu trösten. Ich erlaubte mir, ihn an das weise Wort des General-feldmarschalls Derfflinger zu erinnern, der gesagt habe, daß man sich überschlechtes Wetter, Frauenlaunen und fürstliche Ungnade nie aufregenmüsse. Meine wohlgemeinten Tröstungen schienen auf meinen Chef keinengroßen Eindruck zu machen. Dagegen gereichte es ihm augenscheinlich zurGenugtuung, daß es nach dem, was Graf Seckendorff der Gemahlin desitalienischen Ministerpräsidenten weiter anvertraut hatte, meinem Vaterund also auch mir bei einem Thronwechsel in Deutschland nicht besser
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