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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
Entstehung
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EINE BEGEGNUNG

Humbert in arge Verlegenheit setzte. Der Staatssekretär Herbert Bismarck ,der den Kaiser 1888 begleitete, batte durch sein eigenes Verhalten dieMängel und Fehler seines Souveräns noch verstärkt. Bei reichen Gaben desHerzens und des Geistes fehlte es ihm nicht selten an Takt, was sich aufdem schwierigen römischen Terrain besonders bemerkbar machte.

Ich kehre zum Frühjahr 1875 zurück, wo unter einem weisen, pflicht-treuen, immer taktvollen Souverän solche Entgleisungen und Exzen-trizitäten, wie wir sie später erleben mußten, nicht möglich waren. MitteApril 1875 erhielt der Gesandte von Keudell die Nachricht, daß KaiserWilhelm zu seinem aufrichtigen Leidwesen den längst von ihm beab-sichtigten Gegenbesuch in Italien aus Gesundheitsrücksichten neuerdingsaufgeben müsse. Keudell wurde beauftragt, dem König Viktor Emanuel , dersich gerade in Neapel befand, ein eigenhändiges Schreiben des Kaisers zuüberreichen, das dessen Bedauern warmen Ausdruck gab. Gleichzeitig hatteKeudell dem König mitzuteilen, daß das deutsche Kronprinzenpaareinen längeren Aufenthalt in Italien nehmen, sich zunächst in Florenz aufhalten und daß der Kronprinz von da dem König Viktor Emanuel einenBesuch in Neapel abstatten werde. Von Neapel nach Rom zurückgekehrt,sagte mir Herr von Keudell, daß er sich am 23. April nach Florenz begebenwerde, um dort den kronprinzlichen Herrschaften seine Aufwartung zumachen. Ich solle ihn begleiten.

Am 24. April in Florenz eingetroffen, wurde Keudell mit mir bei denkronprinzlichen Herrschaften zum Frühstück befohlen. Sie waren im HotelNew York abgestiegen. Wir wurden zunächst in das Empfangszimmergeführt, wo die Suite Ihrer Kaiserlichen Hoheiten wartete, unter ihnen diedicke, immer übellaunige Hofdame Gräfin Hedwig Brühl und der biedereGeneral Mischke, der Jugendgespiele und treue Adjutant des Kronprinzen,der bei Königgrätz , bei Weißenburg und Wörth im Granatfeuer neben demKronprinzen gehalten hatte, wie sein hoher Herr ein Ritter ohne Furcht undTadel, tapfer und treu. Die Flügeltüren wurden geöffnet, und die Kron-prinzessin trat ein, neben ihr eine zierliche, weiß gekleidete Dame, die jedemsogleich durch ihre wundervollen Augen auffallen mußte, schwarze Augen,aus denen Geist, aus denen vor allem Güte und Gemüt sprachen. Ich frugden General Mischke:Wer ist die kleine Dame neben der Kronprinzessin ?Gräfin Marie Er antwortete mir:Das ist die Gräfin Marie Dönhoff, die Tochter vonDönhoff Donna Laura Minghetti und Freundin der Frau Kronprinzessin. Ich bat,mich der Gräfin vorzustellen, welcher Bitte der General gern entsprach. Ichwurde von der Gräfin keines Wortes gewürdigt, hatte aber keine Zeit,darüber Reflexionen anzustellen, denn man ging sogleich zu Tisch.

Die Kronprinzessin führte die Konversation, lebhaft, angeregt und inbester Laune.Sie ist immer guter Laune, wenn sie nicht in Berlin oder in