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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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RÜCKSICHT AUF DIE KURIE

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den Vorabend der Abreise bei Spillmann, einem damals vielbesuchtenRestaurant in der Via Condotti verabredet, an dem außer dem Fürsten undder Fürstin Y. die Herren der Deutschen Gesandtschaft und einige öster-reichische und englische Diplomaten teilnahmen. Obgleich ich einen leichtenAnfall von römischem Fieber gehabt hatte, wollte ich bei diesem Abschieds-fest nicht fehlen. Das Diner verlief sehr angeregt. Während sich die Herrenerhoben, um ihre Mäntel in der Garderobe anzulegen, schob mir die Fürstineinen Zettel zu, auf dem ich las:Write to Florence. Dont be ill! I love you.Diese mich beglückende Eröffnung klebte ich am nächsten Tag in meineBrieftasche und legte darüber eine kleine Photographie, die den klassischgeformten Kopf der schönen Frau wundervoll wiedergab.

0 zarte Sehnsucht, süßes Hoffen!

Das Auge sieht den Himmel offen,

Es schwelgt das Herz in Seligkeit.

Während des Winters 1874/75 war auf italienischer Seite wiederholt derWunsch hervorgetreten, daß Kaiser Wilhelm I. den Besuch erwidern möge,den ihm König Viktor Emanuel im September 1873 in Berlin abgestattethatte. Der König war bei diesem Besuch von seinem MinisterpräsidentenMarco Minghetti und dem Minister des Äußern Emilio Visconti-Venosta begleitet gewesen. Jener hatte Bismarck sehr gut, dieser gar nicht gefallen.Nach längerem Meinungsaustausch war man auf deutscher wie aufitalienischer Seite zu der Überzeugung gekommen, daß bei den damaligenschlechten Beziehungen zwischen der Kurie und der deutschen Regierungund dem delikaten Verhältnis zwischen der italienischen Regierung undder Kurie ein deutscher Besuch in Rom ausgeschlossen sei. Tatsächlich istein solcher erst im Oktober 1888 erfolgt, als Kaiser Wilhelm II. kurz nachseiner Thronbesteigung Rom aufsucbte, weniger aus ernsthaften politischenMotiven als aus unruhiger Reiselust.

Aus den letztenRömischen Briefen von Kurd von Schlözer ist be-kannt, daß dieser erste Besuch Wilhelms II. in der Ewigen Stadt ein Fiaskowar, und zwar nach beiden Seiten. Der junge Kaiser verstimmte den Papst,indem er in einem im Quirinal ausgebrachten Toast, ohne besonderen Grund,demonstrativ von Rom als von der unantastbaren Hauptstadt des König-reichs Italien sprach. Noch schlimmer w r ar, daß er seine Unterredung mitLeo XIII. , der viel auf dem Herzen hatte und dem Kaiser noch allerleisagen wmllte, in überstürzter, unhöflicher Weise abbrach. Das königlicheItalien verstimmte Wilhelm II. dadurch, daß er, wo er nur Gelegenheit fand,in diesem, damals seit Jahren liberal und parlamentarisch regierten Landeüber Parlamentarismus und Liberalismus räsonierte, die ihm vorgestelltenSenatoren und Deputierten kaum eines Wortes würdigte und so König

Kronprinzen-besuchin Italien

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