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KEIN LOKALISIERTER KRIEG MÖGLICH
Die allgemeine Spannung erreichte ihren Höhepunkt, als am 10. Mai derKaiser Alexander II. von Rußland , von seinem Reichskanzler, dem FürstenGortschakow, begleitet, auf dem Wege nach Ems für einen dreitägigenBesuch in Berlin eintraf. Ehe der Zar Berlin verließ, empfing er die dort an-wesenden fremden Botschafter und erklärte ihnen, der Friede sei gesichert.Gleichzeitig richtete Fürst Gortschakow eine Mitteilung gleichen Inhaltsan die russischen Vertreter im Ausland, deren Wortlaut er vor der Ab-sendung den hervorragendsten Mitgliedern des Diplomatischen Corps inBerlin vorlas.
So standen die Dinge, als mein guter Vater, der sichtlich noch unter demBismarcks Eindruck seines Gesprächs mit dem Kronprinzen stand, zwischen elf undMotive e i n XJ] lr nachts in der Behrenstraße mit mir auf und ab ging und mir dieSituation darlegte. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis und entsinne michgenau seiner Ausführungen. Er sagte zu mir: „Wenn du den wirklichenZusammenhang der Dinge wissen willst, so kann ich dir im Vertrauen aufdeine Diskretion folgendes sagen: Unser großer Kanzler hat sich nachund nach davon überzeugt, daß die Franzosen uns ihre Niederlage und dieAbtrennung von Elsaß-Lothringen nicht verzeihen und jedem als Bundes-genossen zur Verfügung stehen, der bereit ist, es auf den Krieg mit uns an-kommen zu lassen, am liebsten natürlich den Russen, unter gewissenVoraussetzungen auch den Engländern. Andererseits hat Fürst Bismarck allmählich den Eindruck gewonnen, daß wir zwar Frankreich als per-manenten Gegner in unsere diplomatische Rechnung einstellen müssen, daßwir es aber doch nicht tödlich getroffen, es nicht wirtschaftlich und nament-lich militärisch dauernd aktionsunfähig gemacht haben. Die Hoffnung, daßdie Franzosen sich durch innere Parteikämpfe zugrunde richten werden,ist bei ihrem leidenschaftlichen Patriotismus und ihrer strammen Zen-tralisation keineswegs sicher. Alle diese Erwägungen beunruhigen denKanzler. Du mußt aber deshalb nicht glauben, daß er den Krieg will.Auch der Kaiser und der Kronprinz wollen von einem anderen als voneinem Verteidigungskrieg nichts hören. Der Kronprinz war soeben sehrzufrieden, als ich ihm die Überzeugung ausdrückte, daß wir Frieden be-halten würden. Und was Bismarck angeht, so wiederhole ich dir, daß er seitdem Frankfurter Frieden keine weiteren Kriege geplant noch gewünscht hat.Vestigia Napoleonis terrent. Aber er hielt es für nützlich, die Franzoseneinzuschüchtern. Er wollte einen sehr kräftigen kalten Wasserstrahl,wie er das nennt, nach Paris richten. Dabei hat sich nun herausgestellt,daß wir einen zweiten Krieg gegen Frankreich nicht würden führen können,ohne daß die Russen und wohl auch die Engländer sich einmischen. Einlokalisierter Krieg unter den europäischen Hauptmächten, zwischenDeutschland und Frankreich, Italien und Frankreich, Rußland und