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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DUNKLE WOLKEN AM HORIZONT

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Ich frug meinen Vater, was die alarmierenden Artikel unserer offiziösenPresse zu bedeuten hätten, die seit Anfang April die Welt in Aufregung Ist Krieg inversetzten und in Berlin das allgemeine Gesprächsthema bildeten. Ich muß Sicht?sie kurz resümieren. Ende März hatte die regierungsfreundlicheKölnischeZeitung einen Artikel gebracht, der, an die überhastige Vermehrung desfranzösischen Heeres durch das Cadre-Gesetz anknüpfend, die Möglichkeiteiner Aussöhnung des Papstes mit Italien und einer Allianz zwischen demVatikan, Frankreich, Österreich und Italien an die Wand malte. Diese inVorbereitung befindlicheKatholische Liga sei freilich erst nach demSturz des Grafen Andrässy, des österreich-ungarischen Ministers desÄußern, möglich. An diesem Sturz, so schloß der Warnungsruf derKölnischen Zeitung , werde von verschiedenen Seiten und mit Eifergearbeitet. Am 8. April brachte unter der ÜberschriftIst Krieg inSicht? eine offiziöse Berliner Zeitung ,Die Post, einen weiteren Artikel,der mit den Worten anfing:Seit einigen Wochen hat sich der politischeHorizont mit dunklen Wolken bezogen.Die Post reproduzierte dasinsehr ernsten Farben gehaltene Gesamtbild, das dieKölnische Zeitung von der gegenwärtigen Lage entworfen habe, und fügte ihrerseits hinzu,daß sie weit davon entfernt sei, die Richtigkeit der Ausführungen desrheinischen Blattesim Ganzen in Abrede zu stellen. Sie könne vielmehrdieses trübe Gesamtbild durch manche Züge ergänzen, die sie ihrer eigenenBeobachtung entnehme. Wenn sie demnach ihre an die Spitze gestellteFrage:Ist der Krieg in Sicht? beantworten wolle, so müsse sie sagen:

Der Krieg ist allerdings in Sicht, was aber nicht ausschließt, daß die Wolkesich zerstreut.

Wieder einige Tage später hatte die hochoffiziöseProvinzial-Kor-respondenz einen Beschwichtigungsartikel gebracht, der aber deshalbkeinen dauernden Eindruck machte, weil nicht lange nachher die LondonerTimes einen Alarmartikel gegen Deutschland publizierte, der in derBehauptung gipfelte, daß Deutschlands Industrie, sein Handel, seineFinanzen, seine sozialen Verhältnisse den Druck seiner militärischen Aus-gaben nicht mehr lange aushielten. Wenn Deutschland aber, um seinenRuin abzuwenden, sich entwaffne, würde Frankreich in drohender Bereit-schaft gerüstet dastehen. Um mm diesem Dilemma zu entgehen, betrachtedie deutsche Militärpartei den gegenwärtigen Moment als besonders günstig,um dem Deutschen Reich eine lange Periode des Gedeihens und des Friedenszu sichern. DieTimes hatte diesen Alarmartikel ausdrücklich als eineihr von Paris zugesandtefranzösische Vogelscheuche bezeichnet. Dashinderte aber nicht, daß diese Auslassung, die auf den französischenMinister des Äußern, den Herzog Decazes , zurückgeführt wurde, von allenGegnern Deutschlands nach Kräften gegen uns ausgebeutet wurde.