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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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DIENSTZEUGNIS

sagen, wenn der Marmor erklärte, ihm allein gebühre Anerkennung undLob. Auch Karl Hillebrand erklärte unser Volk für ein bedauerlichunpolitisches, weil es weniger als andere Völker, und insbesondere als dieFranzosen, Engländer und Italiener , den Parteistandpunkt dem allgemeinenWohl unterzuordnen wisse, auch mehr als andere zu Doktrinarismus undIdeologie neige, zu gründlich, bisweilen schwerfällig gründlich sei, sichnicht selten in verstiegenen Gedankengängen gefalle. Ich dachte wieder andas, was mir einst über dasselbe Thema mein Vater und die PrinzessinMarie-Ghiselaine Arenberg gesagt hatten, dachte an Goethes böses Wortüber die Miserabilität der Deutschen als Ganzes.

Herr von Keudell hatte die Freundlichkeit, mich bei meiner Abreise vonAbreise Rom selbst an die Bahn zu bringen. Als ich neunzehn Jahre später Bot-von Rom schafter in Rom wurde, legte mir der damalige Kanzleivorstand, dertreffliche Geheime Hofrat Stock, einen bei den Akten der Botschaft be-findlichen Bericht vor, den am 10. Mai 1875 der Gesandte von Keudell übermich an Bismarck erstattet hatte. Es hieß in diesem Bericht:DerReferendar Bernhard von Bülow hat die kurze Zeit seiner hiesigen Ver-wendung sehr gut benutzt, die ihm übertragenen Arbeiten in zweck-dienlicher Weise erledigt und sich in der hiesigen ersten Gesellschaft schnelleine gute Stellung zu machen vermocht. Ich zweifle nicht, daß dieser imVerhältnis zu seinen Jahren schon sehr gereifte Beamte jedes ihm an-zuweisende Dienstverhältnis angemessen auszufüllen wissen wird. In Genf ,wohin ich mich, dem Wunsche meines Vaters entsprechend, begeben hatte,ging ich an meine französische Prüfungsarbeit. Sie wurde mir fast leichterals meine beiden deutschen Examensarbeiten. Die französische Sprache istnicht nur flacher, sondern auch ärmer als die deutsche. Man vergleiche denFaust von Goethe mit derAthalie von Racine ! Wie Orgelklang töntder Faust, wie das Zirpen der Grille die Athalie. Aber gerade wegen desgeringeren Reichtums der französischen Sprache ist es für denjenigen, dersie beherrscht, weniger schwer, in ihr den richtigen Ausdruck zu finden alsim Deutschen.

Als ich Ende Mai 1875 in Berlin eintraf, erwartete mich eine Ein-Rückkehr ladung zu einer Soiree, die am Abend im Hausministerium stattfindennach Berlin sollte und zu der die kronprinzlichen Herrschaften ihr Erscheinen zu-gesagt hatten. Der Kronprinz beehrte meinen Vater mit einer langenAnsprache. Der hohe Herr sah sorgenvoll aus, mein Vater war sichtlichbemüht, ihn zu beruhigen. Als die kronprinzlichen Herrschaften sich zu-rückgezogen hatten, verabschiedete sich mein Vater mit mir bei MimiSchleinitz, unserer liebenswürdigen Gastgeberin, und forderte mich zueinem Spaziergang in der zu vorgerückter Stunde menschenleeren Behren-straße auf.