DAS SEDAN-LÄCHELN
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leider so manche an Engländer verheiratete deutsche Frauen, legte sie,nachdem sie geheiratet hatte, einen outrierten englischen Chauvinismus anden Tag. Viel belacht wurde die Antwort, die Madame de Corcelle, dieGattin des französischen Botschafters beim Päpstlichen Stuhl, dem PapstPio IX gegeben hatte. Der Papst hatte in einer ihr gewährten Audienzlebhafte Klage über die seit dem Einmarsch der Italiener in Rom herrschendegesellschaftliche Spaltung zwischen den Schwarzen, den Päpstlich-, undden Weißen, den Königlichgesinnten, geführt. Die für ihre Zerstreutheitberühmte Botschafterin erwiderte: „C’est bien triste, mais tout cela vachanger avec la mort du Pape.“
Als der interessanteste unter den damals in Italien weilenden Deutschen erschien mir der Publizist und Historiker Karl Hillebrand . Als zwanzig-jähriger Jüngling hatte er sich 1849 an dem badischen Aufstand beteiligtund war nach dessen Niederwerfung nach Frankreich geflohen, wo er inDouay als Lehrer der deutschen Sprache und Literatur angestellt wurde.Ich hatte ihn schon bei meiner Durchreise durch Florenz besucht, wohin ernach dem Ausbruch des Deutsch- Französischen Krieges übergesiedelt war.Wenn er von dort nach Rom kam, hatte er meist die Freundlichkeit, beimir vorzusprechen. Sein Buch über Frankreich und die Franzosen gehörtzu dem psychologisch Feinsten, was über unsere Nachbarn jenseits derVogesen geschrieben worden ist. Auch seine in deutschen und italienischenRevuen publizierten Essays sind kleine Meisterstücke. Bei unsern Ge-sprächen im Winter 1874/75 warnte er vor Übermut gegenüber unsermbesiegten Gegner, dessen leidenschaftlichen Patriotismus er immer wiederbetonte, auch seine Fähigkeit, in der Stunde der Gefahr einem ent-schlossenen Führer in einheitlicher Front ohne kleinliche Kritik zu folgen.Er meinte, daß seit den großen Siegen der Bismarckschen Ära wir Deutsche uns ein wenig überschätzten. Mancher biedere Deutsche spreche so, als ober selbst Sadowa und Sedan gewonnen und die Politik von 1862 bis 1871gemacht hätte. Das „Sedan-Lächeln“, mit dem der deutsche Philister, derfrüher zu übertriebener Demut geneigt habe, jetzt im Ausland auftrete,mache uns keine Freunde. Unsere Riesenerfolge seien das Werk vonBismarck und Moltke, zwei ganz großen, sehr ungewöhnlichen Genies.Bismarck habe seine foudroyanten Erfolge gegen den Widerspruch derdeutschen öffentlichen Meinung, im Kampf mit dem Widerstand derLiberalen, fast aller Intellektuellen erfochten. Karl Hillebrand rühmte diehohen Verdienste des alten Kaisers, der auf der Armee-Reorganisationbestanden und trotz des Tobens unverständiger Demokraten an seinemgroßen Minister festgehalten habe. „Man kann darüber streiten, ob dasHauptverdienst an einer schönen Statue dem Künstler gebührt, der sieformt, oder dem Mäzen, der ihm den Auftrag gab. Aber was würde man
Karl
Ilillchrand