REIF IN FRÜHLINGSNACHT
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so machte ich mir weiter keine Skrupel. Jetzt, wo ich die Geschichte meinesLebens niederschreibe und alle Geschehnisse in bunter Reihe an mir vor-überziehen lasse, wünsche ich auch diese Episode nicht zu übergehen. Wieich schon im Eingang des ersten Bandes sagte, haben Memoiren nur danneinen Wert, wenn sie innerlich wahr sind, nichts verschweigen und nichtskorrigieren. Auch wer als Staatsmann Ernst in Lebensführung und Lebens-arbeit gezeigt hat, mag in jungen Jahren über die Stränge geschlagen haben.Am Abend des Lebens die Jugendzeit in selbstzufriedener Rückschau mitdem Mantel der Tugend zu drapieren, ist der Versuch einer Unwahrheit.Meinem Lebensbilde eingefügt, möge die Episode von St. Wolfgang undmanche andere dieser Art zeigen, daß ein Mann, dem es Ernst ist mit Lebenund Amt, sich selber meistern kann, wenn seine Zeit gekommen ist. Heutesage ich mit dem Psalmisten: Herr, gedenke nicht der Sünden meinerJugend und meiner Übertretungen, gedenke aber meiner nach deiner Barm-herzigkeit um deiner Güte willen. (Ps. 25,7.)
In Salzburg, das wir wiederholt von St. Wolfgang aus aufsuchten, sollteich eine Begegnung haben, die wie eine mahnende Stimme mich an beruf-liche Arbeit, an schaffendes Streben, an den Ernst des amtlichen Lebenserinnerte. Die Szene steht mir heute noch in lebhafter Erinnerung. Ich warmit meiner Freundin vom Gaisberg, an dessen wundervoller Aussicht wiruns erfreut hatten, herabgestiegen, und wir gedachten uns in St. PetersStiftskeller zu erquicken. Des schönen Augenblicks froh, betraten wir denstimmungsvollen Raum. Vor uns stand, offenbar in tiefe Gedanken ver-sunken und uns vorerst nicht beachtend — Lothar Bücher. Worandachte er? Dachte er an seinen einstigen Parteifreund und Gefährtenwährend ihres gemeinsamen Exils in London, an Karl Marx? Dachte er anseinen jetzigen Chef, Otto von Bismarck? Wog er, der zu stillem Grübelnneigte, den einen gegen den andern ab ? Als er mich erblickte, noch dazu inBegleitung einer schönen und sehr eleganten Frau, wich er scheu zurück,während wir uns an den guten Weinen des Stiftskellers labten, froh,glücklich und geschwätzig wie Kinder, die Ferien haben und dem Lehrerbegegnen. Aber der Anblick des bedeutenden Mannes, der so viel gesehen,erlebt und gedacht hatte, erinnerte mich wieder an den Ernst, an die Tat-sächlichkeiten des Lebens. Vor mir stand Berlin, das Auswärtige Amt,stand mein strengdenkender Vater, stand mein bisheriger und meinkünftiger Pflichtenkreis. Es war wie Reif in Frühlingsnacht.