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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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.WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE

anstellen konnte. Wir fuhren zum Falkenstein, wo ein berühmtes Echo ist,und freuten uns, wenn das Echo den Unsinn, den wir ihm zuriefen, verstärktwiedergab. Wir betrachteten mit Bedauern das Hochzeitskreuz, das aufeinem Felsenriff nach Art der landesüblichen Marterln zum Gedächtnis destragischen Endes einer Hochzeitsgesellschaft errichtet war, die vor langerZeit auf dem Eis des Sees sich vergnügt hatte und, als es brach, ertrunkenwar. Besser war es einem Metzger ergangen, dessen Ochse wild gewordenwar und in den See sprang. Der resolute Metzger war ihm nachgesprungen,hatte den Ochsen beim Schwänze gepackt und war so bis zum jenseitigenUfer geschwommen. Ihm zu Ehren hatte man das Ochsenkreuz errichtet.Zweimal bestiegen wir von St. Wolfgang aus den Schafberg, der im Salz-kammergutunser Rigi genannt wurde. Wir übernachteten oben im Heuund fanden, daß am Morgen beim Sonnenaufgang die Aussicht vom Schaf-berg, wenn auch nicht so umfassend und weit, so doch noch schöner undmalerischer sei als vom Schweizer Rigi .

Ich will nicht verschweigen, daß ich mich geistig nicht ganz mit meinerschönen Freundin verstand. Sie hatte eine mir unverständliche Vorliebe fürjene Art Literatur, die man heute mit einem mir übrigens nicht besonderssympathischen Ausdruck als Kitsch bezeichnet. Sie schwärmte für Louisade la Ramee und ihren unter dem PseudonymOuida erschienenen fadenRomanUnder two flags. Ein nicht viel besserer Roman von JulesSandeau, dem ersten Liebhaber der ihm sehr überlegenen George Sand ,die ganz banaleMarianne, entlockte ihr Tränen der Rührung. MeinenEnthusiasmus für die Ilias und die Aeneis, für Aristophanes und Tacitus verstand sie nicht. Und als ich ihrWilhelm Meisters Lehrjahre vorlas,gähnte sie. Ich fürchte, daß sie, wenn ich ihrWilhelm Meisters Wander-jahre vorgelesen hätte, eingeschlafen wäre. Ich kann nicht sagen, daß michsolche literarische Meinungsverschiedenheiten damals gestört hätten. Aberbei dauernder Lebensgemeinschaft würden sie sich bemerkbar gemachthaben.

Wenn ich heute als alter Mann an jene Zeit und insbesondere an dieTage am Wolfgang-See zurückdenke, so frage ich mich, wie ich mich damalsmit meinem Gewissen abfand. Dachte ich nach, handelte ich unter demDruck des Sturmes der Gefühle? Machte ich mir Vorwürfe, oder fand ichalles in schönster Ordnung ? Offen gesagt, weder das eine noch das andere!Ich befand mich in jenem Seelenzustand, den italienische Theologenlapace del impio nennen. Wenn mir hie und da Gedanken über die moralischeSeite der mich erfüllenden Leidenschaft kamen, so tröstete ich mich mitdem englischen Sprichwort, das meint, daßin war and in love everythingis fair. Da ich außerdem selbstverständlich bereit war, als Edelmann undOffizier mit der Waffe in der Hand jede Art von Genugtuung zu gewähren,