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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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XXVI. KAPITEL

Diplomatisches Examen Versetzung nach St. Petersburg (1875) Reise dorthin GrafAlvensleben General von Werder Der Raswod Zar Alexander II. Der ZarewitschReformprogramm Andrässys für den Balkan Die Petersburger Gesellschaft SlawischeFrauen, russische Mädchen Russische Literatur

A ls ich wenige Tage nach der Begegnung mit Lothar Bücher nach Berlin

zurückkehrte, merkte ich meinem Vater an, daß mein etwas langer Mit Aus-Aufenthalt in St. Wolfgang nicht nach seinem Sinn gewesen war. Ich hatte Zeichnungan sich ja kein sehr gutes Gewissen, konnte aber ein Aktivum buchen, das testendenbewies, daß ich auch während jenes Idylls meiner Arbeit nicht vergessenhatte. Ich hatte in St. Wolfgang die vielleicht schwierigste meiner Arbeitenfür das diplomatische Examen angefertigt. Sie war mir von ProfessorGneist gestellt worden und behandelte die Frage, welche Regeln beiinneren Parteikämpfen eines europäischen Staats für das Verhalten andererMächte nach internationalem Rechte aufzustellen sind. Ich bilde mir nochheute etwas darauf ein, daß ich gerade in St. Wolfgang eine Arbeit zustandebrachte, die Gneist zu nachstehendem, offenbar befriedigtem Urteil veran-laßte:Die Darstellung ist von löblicher Kürze, sachgemäß, klar undfließend. Das Urteil des Verfassers ist überall praktisch und unbefangen.

Die Arbeit kann als eine gute bezeichnet werden. Mein Vater aber sahoffenbar mehr auf die Passiva der Tage in St. Wolfgang. Er enthielt sichjeder Äußerung, die meine Gefühle hätte verletzen können. Er sprach abermit ernstem, dienstlichem Nachdruck die bestimmte Erwartung aus, daßmeine bevorstehende diplomatische Prüfungglatt, wie er sich aus-drückte, verlaufen würde.Es wäre noch besser, wenn du als Sohn desStaatssekretärs nicht gut abschneiden würdest.

Ich arbeitete unter dem Eindruck dieses väterlichen Appells mit ver-stärkter Intensität und ging am 15. November in das Examen. Ich wachtean diesem Morgen mit einer starken Migräne auf, ein Übel, an dem ichdamals häufig litt. Mein Vater, dem meine Blässe auffiel und dem ich des-halb meine Migräne eingestehen mußte, meinte:La migraine est le mal desgens desprit, hat Voltaire gesagt.Wir werden sehen, ob das auf dichzutrifft. Übrigens freue ich mich fast über dein Kopfweh, denn eine ohne