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VERLOBUNG UND TRAUER IM HAUSE BISMARCK
Hindernis bestandene mündliche Prüfung wäre bei deiner Schlagfertigkeitund der dir von Gott gnädig verliehenen Begabung kaum rühmlich. Avaincre sans peril, on triomphe sans gloire.“
Das mündliche Examen verlief, wie es mein guter Vater gefordert underwartet hatte. In dem darüber ausgestellten Zeugnis der ProfessorenRudolf Gneist und Adolf Wagner und des französischen ExaminatorsProfessor Auber, eines geborenen Franzosen, hieß es: „Bei seiner mündlichenPrüfung hat der Referendarius von Bülow die ihm vorgelegten Fragen ausdem Staats- und Völkerrecht mit einer gründliches Studium bezeugendenSachkenntnis und Sicherheit prompt beantwortet. In den zur Frage ge-brachten staatswissenschaftlich-statistischen Gegenständen zeigte der Kan-didat sich durchweg gut unterrichtet, offenbarte auch ein richtiges Ver-ständnis der theoretischen und volkswirtschaftlichen Seite der berührtenFragen und antwortete rasch und präzis. Bei Beantwortung der verschie-denen ihm vorgelegten historisch-politischen Fragen bewies derselbe aus-gedehnte und genaue Kenntnisse und drückte sich geläufig und korrektfranzösisch aus. Nach dem Gesamtresultat der schriftlichen und mündlichenPrüfung erachtet die Unterzeichnete Kommission dafür, daß der Referen-darius Bernhard von Bülow das diplomatische Examen mit Auszeichnungbestanden hat und für den diplomatischen Dienst ebenso gründlich wievielseitig vorbereitet erscheint.“ Der erste, der mir gratulierte, und auf dasherzlichste gratulierte, war Herbert Bismarck . Er hatte, da er wußte, daßich infolge meiner Migräne nicht ganz auf dem Damm war, das Resultat derPrüfung in einem Nebenzimmer abgewartet. Man konnte keinen sym-pathischeren, keinen herrlicheren Jüngling sehen, als es Herbert Bismarck damals war.
Im Sommer 1875 hatte sich die einzige Tochter des Fürsten Bismarck ,Wendt die Gräfin Marie, mit dem Grafen Wendt Eulenburg verlobt. Er warEulenburg f der jüngste und vielleicht begabteste von vier hervorragenden Brüdern, vondenen Botho preußischer Minister des Innern und Ministerpräsident, AugustOberhofmarschall und Hausminister, Karl General der Kavallerie werdensollte. Im Spätherbst 1875 erlag Wendt Eulenburg in Varzin, wo er zumBesuch weilte, einem tückischen Nervenfieber. Ich habe seinen Tod immerals ein politisches Unglück betrachtet. Er würde, wenn er am Leben ge-blieben wäre, zwischen seinem großen Schwiegervater und dem jugend-lichen Wilhelm II. geschickter vermittelt haben als der allzu stürmische undnicht immer taktvolle Sohn Herbert. Ich werde nie den Ausdruck in denZügen des Fürsten Bismarck vergessen, als er bei der Leichenfeier vor demSarge stehend die Kriegsorden des jung verstorbenen Bräutigams seinerTochter, die Feldzugsmedaillen von 1866 und 1870, durch die Finger gleitenHeß und sie sinnend betrachtete. Wie ernste, wie tiefe Gedanken mögen in