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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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AN DIE NEWA

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ihm aufgestiegen sein! Die junge Braut, pietistisch gerichtet wie ihre Mutter,flüsterte mir zu, Gott habe sie wohl dafür strafen wollen, daß sie ihrenBräutigam zu heiß geliebt hätte. Sie hat ihn tief und aufrichtig betrauertund erst mehrere Jahre später in einer harmonischen Ehe mit dem treff-lichen Grafen Kuno Rantzau Glück und Frieden gefunden.

Einige Tage nach meiner diplomatischen Prüfung besprach mein Vatermi t mir die Frage, wohin ich als Legationssekretär versetzt werden wolle.Er sagte mir, in St. Petersburg sei durch die schwere Erkrankung desBotschaftssekretärs Graf Bernhard Wartensleben eine Vakanz entstanden.Petersburg sei zur Zeit einer der interessantesten Posten. Der derzeitigeGeschäftsträger in Petersburg, Graf Alvensleben, sei ein trefflicherBeamter und sehr geeignet, mich anzulernen. Wenn der auf Urlaub befind-liche Botschafter Prinz Heinrich VII. Reuß zurückkehrte, würde ich inihm einen unserer hervorragendsten Diplomaten kennenlernen, der in Paris ,München und jetzt in Petersburg glänzend abgeschnitten und namentlichwährend des Deutsch-Französischen Krieges Bedeutendes geleistet habe.Sollte Prinz Reuß nicht im Dienste bleiben, so würde wohl der General vonSchweinitz sein Nachfolger werden, der ebenfalls ein erfahrener und dabeigeschickter Diplomat von großer Bildung und weitem Horizont sei.

Ich bat meinen Vater, mir die Sache überlegen zu dürfen. Was mich imstillen zu dieser Bitte veranlaßte, war die Rücksicht auf meine schöneFreundin, die Fürstin Y. Sie wünschte, daß ich, sofern ich nicht im Aus-wärtigen Amt bleiben könne, wenigstens einen deutschen Posten bekäme.Als Ideal schwebte ihr Dresden vor. Wie rührend egoistisch sind oft Frauen,wenn sie lieben. Als ich ihr sagte, daß St. Petersburg für mich in Frage käme,brach sie in Tränen aus. Eine Trennung bei so weiter Entfernung erschienihr unerträglich. Auch fürchtete sie, daß ich mit meiner damaligen Neigungzu Halsleiden das russische Klima nicht vertragen würde. Sie fand esgrausam, ja verbrecherisch von meinem Vater, mich dieser Gefahr auszu-setzen. In ihrer Angst und Liebe für mich suchte sie den preußischen Ge-sandten in Dresden auf, den liebenswürdigen Grafen Eberhard Solms, undbat ihn, nicht an den Staatssekretär, wohl aber an den Fürsten Bismarck selbst zu schreiben, daß ihm als Sekretär niemand so erwünscht sein würdewie der Legationssekretär Bernhard von Bülow . Sie gestand mir, daß siedem nicht mehr ganz j ungen, aber immer noch galanten Grafen Solms fürden Fall, daß er ihre Wünsche erfülle, einen Kuß versprochen habe. AlsPfand und Vorauszahlung hatte sie ihm schon jetzt erlaubt, sie auf dieStirn zu küssen. Ich selbst stand wie Herkules am Scheidewege zwischenEhrgeiz und Liebe. StattLiebe müßte ich jugendliche Erregung setzen.Und mein Ehrgeiz war kein unedler, denn ich fühlte, daß es für meinediplomatisch-politische Ausbildung förderlich sein würde, schon in jungen

Eine

Vakanz inPetersburg