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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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FÜNFUNDZWANZIG RUBEL

Jahren Rußland kennenzulernen. In einer letzten und entscheidendenUnterredung erklärte ich meinem Vater, daß ich meine Versetzung nachPetersburg mit Dank begrüßen würde.

So trat ich nach einem bewegten Abschied von der Fürstin Y. die ReiseReise durch nach St. Petersburg an, das in ihrer gezierten Sprechweise die russischen Rußland Damen damalsla Palmyre du Nord nannten, dessen Name nach demAusbruch des Weltkrieges, um jede Erinnerung an deutsche Sprache undKultur zu verwischen, in Petrograd verwandelt wurde und das heuteLeningrad heißt. Wie wird die Stadt Peters des Großen in abermalsfünfzig Jahren heißen? Werden sich ihre jetzt schon verwaisten undzerfallenden Paläste dann noch in den Fluten der Newa spiegeln? Oderwird bis dahin der konsequente, integrale Marxismus, der Bolschewismus,dessen Tscheka an Borniertheit und Brutalität alles übertrifft, was hundert-fünfundzwanzig Jahre früher dasComite de Salut public der Jakobinerfertigbrachte, Petersburg völlig verwüstet haben, die Stadt, die vom großenZar Peter bis zum kleinen Zar Nikolaus II. der Mittelpunkt eines ge-waltigen Reichs war?

Das Reisen war im alten Rußland sehr bequem. Das kam von derLangsamkeit, mit der gefahren wurde. So stießen und schwankten die über-dies auf breiten Gleisen fahrenden Wagen nicht, in denen der Reisende mitBehagen lesen, schreiben oder auch dem Kartenspiel huldigen konnte, fürdas der Russe angeborenes Talent und ausgesprochene Neigung besitzt.Zwischen Wirb allen und Petersburg gab es wenige Stationen. Wurdeaber haltgemacht, so dauerte der Aufenthalt mindestens eine halbe Stunde,und der Reisende stärkte sich in aller Ruhe an einem mit den vielenLeckerbissen der russischen Küche besetzten Büfett für die weitere Fahrt.Im alten Rußland hatte man immer und für alles Zeit. In Wirballenerwartete mich, der ich als Kurier reiste, der preußische Grenzkommissarmit seinem russischen Kollegen, der einen gräflichen Namen trug. Währendich mit dem letztem in französischer Sprache artige Komplimente aus-tauschte, bat mich der Preuße leise um fünfundzwanzig Rubel, verstohlengab er sie dem Russen, unbefangen steckte dieser sie in seine Brusttasche.Dann erklärte er uns in charmanter Form, daß alle Zoll-, Grenz- undPaßformalitäten erledigt seien und er mir eine weitere angenehmeFahrt wünsche.

Von der Grenze an verschwand das Laubholz, nur hier und da tauchteeine verschneite Birke auf. An den Stationen standen, in dicke Schafpelzegehüllt, Gendarmen, die Nase und Ohren zum Schutz gegen die im Novemberschon sehr fühlbare Kälte mit Tüchern verbunden hatten. Ärmlich aus-sehende Juden im Kaftan und mit Schmachtlocken hielten sich ängstlichim Hintergrund und boten, wenn sie sich von den Gendarmen nicht