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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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ALEXANDER II.

einer Vorstadt endigt, echt russisch zwischen Branntweinschenken, einemKloster und einem Kirchhof. Von überall erblickten wir im Nebel diegoldene Riesennadel des schlanken Admiralitäts-Turms.

Am nächsten Tage nahm mich unser Militärbevollmächtigter, General Parade von W er der, zum Raswod mit. Der Raswod war eine Parade, die im Winterwöchentlich einmal in einer großen, gedeckten und geheizten Reitbahnabgehalten wurde. An der einen Seite der Michaels-Manege, wie die Bahnhieß, standen die Suitzkys, die in Rußland sehr zahlreichen General-adjutanten, Generäle ä la suite und Flügeladjutanten. An den anderen dreiSeiten waren Vertreter aller in Petersburg garnisonierenden Truppen auf-gestellt, unter ihnen die Elitetruppen der Garde-ä-cheval und der Chevafiers-Gardes, die mit ihren Adlerhelmen an unsere Gardes-du-Corps und Garde-kürassiere erinnerten. Neben Husaren, Dragonern und Ulanen die male-rischen Tscherkessen und die wild ausschauenden Kosaken mit ihren langenLanzen und gefürchteten Peitschen.

Der Zar begrüßte die Mannschaften mit einem lauten:Guten Morgen,Kinder, seid ihr mit Kost und Traktament zufrieden ? Das war offenbarfür die biederen Krieger keine ganz unerwartete Frage. Jedenfalls ant-wortete die Truppe ohne Besinnen und mit anerkennenswertem Schwung:Wir sind mit allem zufrieden und glücklich, unsere Schuldigkeit zutun. Nun wandte sich der Zar der Suite zu. Ich stand am rechten Flügelneben dem General von Werder, dem der Zar die Hand reichte und dermich ihm vorstellte. Alexander II. sah mich aufmerksam an. Er hatte un-gewöhnlich schöne Augen, aus denen so viel Güte sprach, wie dies füreinen Zaren zweckentsprechend und erlaubt war.

Es lag in diesen Augen freilich auch jene Schwermut, die man bei Menschenfinden soll, denen ein frühes und gewaltsames Ende bevorsteht. Diese aus-drucksvollen Augen waren starr auf meine Husarenuniform gerichtet, ver-wundert und fragend. War etwas an meinem Anzug nicht in Ordnung?Hatte ich meine Pelzmütze vergessen? Ich hielt sie in der rechten Hand.Hatte ich meinen Säbel nicht umgeschnallt? Ich hatte ihn umgeschnalltund hielt ihn vorschriftsmäßig zwischen dem Daumen und zwei Fingernmeiner finken Hand. Hatte ich meine Schärpe nicht um ? Ich fühlte sie, undein rascher Blick bestätigte mir meine Empfindung. Unser alter Wacht-meister Wunderlich vom Königshusaren-Regiment würde seine Freude anmeinem propern Anzug gehabt haben. Gott sei Dank! Aber warum blickteder Zar unverwandt auf meine Uniform?Wie heißt dieses Kreuz, das Siein Ihrer Ordensschnalle tragen? frug eine tiefe Stimme. Ich antwortete,das wäre das mecklenburgische Verdienstkreuz für Auszeichnung im Kriege.Aber das ist ja golden, und Ihr Kreuz ist silbern, replizierte der Be-herrscher des geographisch größten Reiches der Erde, der unumschränkte