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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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PREUSSISCH-RUSSISCHE TRADITION

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Herrscher über hundert Millionen Untertanen, nicht ohne Gereiztheit,jedenfalls ungeduldig. Ich erwiderte mit militärischer Kürze, bestimmt undsehr laut, das mecklenburg-schwerinsche Tapferkeitskreuz sei allerdingsvergoldet, das Strelitzer aber sei aus Silber.Sehr interessant, wirklichsehr interessant! meinte, zum General von Werder gewandt, der selbst-herrschende Zar, der Zar Ssamodershez, und seine bis dahin strengen Zügenahmen einen gütigen Ausdruck an.Das habe ich wirklich nicht gewußt.Alexander II. sprach Deutsch mit hartem russischem Akzent, aber geläufigund gern. Seitdem wurde ich bei jedem Raswod von Kaiser Alexander II. angesprochen, kurz, aber gnädig, wozu mir Alvensleben und Werder gratulierten.

Am Raswod nahm nach alter Tradition von ausländischen Missionennur die preußisch-deutsche Vertretung teil. Der Person des Zaren war Bernhardseit den Freiheitskriegen, wo Preußen und Russen siegreich Schulter an » Werder Schulter gefochten hatten, ein Adjutant des Königs von Preußen attachiert,der sich der russischen Suite anschloß. Umgekehrt war ständig zum Königevon Preußen ein russischer Flügeladjutant kommandiert.

Seit dem Frühjahr 1870 fungierte in St. Petersburg der General vonWerder, General ä la suite des Deutschen Kaisers. Rernhard von Werderwar eine echt preußische, eine echt militärische Erscheinung. Kerzengeradestand Werder da, mit durchgedrückten Knien und durchgedrücktem Kreuz,so gerade, als ob er einen Ladestock verschluckt hätte. So aufrecht hatte er,für alle ein Vorbild, im Kugelregen von Königgrätz dagestanden wo er sichals Kommandeur der Gardefüsiliere den damals sehr selten gegebenen Ordenpour le merite verdiente. So gerade und aufrecht stand er noch vierzig Jahrespäter da, im Juli 1906, bei der Taufe des ältesten Sohnes des Kronprinzen,wo ich Werder zum letztenmal sah. Er hatte 1831 als Page der Taufe desnachmaligen Kaisers Friedrich beigewohnt und wollte 1906 bei der Taufevon dessen Urenkel nicht fehlen. Der aufrechten Haltung des Generalsentsprach seine aufrechte Gesinnung. Er war durch und durch vornehm,wahrhaftig und unabhängig. Dieser Gesinnung verdankte er das unbedingteVertrauen, das nicht nur sein eigener Souverän, Kaiser Wilhelm I., sondernauch Kaiser Alexander II. von Rußland ihm schenkte. Auch KaiserAlexander III., der nicht sentimental war und die Deutschen im allgemeinennicht besonders goutierte, empfand für Werder eine fast zärtliche Achtung.

Am Ende der achtziger Jahre wußte jeder in Petersburg und insbesonderebei Hofe, daß Kaiser Alexander III. den Bulgarenfürsten AlexanderBattenberg nicht ausstehen konnte. Ich brauche kaum hinzuzufügen,daß bei solcher allerhöchsten Stimmung viele Höflinge dem Zaren dadurchzu gefallen suchten, daß sie schlecht von Alexander Battenberg sprachen.

Als an der kaiserlichen Tafel wieder einmal über den Battenberger räsoniert