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4 (1931) Jugend- und Diplomatenjahre
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EIN PETERSBURGER SALON

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wurde. Und nach dem infamen Versailler Diktatfrieden wird jeder Deutsche,der das Herz auf dem rechten Fleck hat, den lieben Gott bitten, daß er denSöhnen des Teut gegenüber anderen Völkern das Nationalgefühl stärke, dassich freilich nicht in Maulheldentum und noch weniger in unüberlegtenPutschen betätigt, sondern darin, daß das Vaterland über alles gestelltwird, über persönliche Selbstsucht, über jede fraktionelle Borniertheit undallen Klassenkampf.

Ich verkehrte während meines ersten Petersburger Winters viel imHause der verwitweten Gräfin Protassow. Ihr verstorbener Gatte war Der Auf-unter Kaiser Nikolaus vom Kommandeur der Gardehusaren zum Pro- stand in derkurator des Heiligen Synods aufgerückt, eine Stellung, die derjenigen des HerzegowinaPräsidenten des Preußischen Evangelischen Oberkirchenrats entsprach.

Als eines Vormittags Kaiser Nikolaus , der sich am Tage vorher über denfrüheren Prokurator des Synods geärgert hatte, einem Regimentsexerzierender von Protassow kommandierten Gardehusaren beiwohnte, das sehr flottging, winkte er den Kommandeur heran und sprach zu ihm:Ich ernennedich zum Prokurator des Heiligen Synods, überzeugt, daß du mir die Bischöfe,

Popen und Mönche ebensogut in Ordnung halten wirst wie deine Husaren.

Graf Protassow soll die ihm gestellte Aufgabe gar nicht übel gelöst haben.

Wie alle Damen der Petersburger Gesellschaft, zupften die Gräfin Protassowund ihre hebenswürdigen Töchter im Winter 1875/76 eifrig Scharpie.

Warum und für wen? Für die Aufständischen in der Herzegowina.Einundzwanzig Jahre nach dem Pariser Frieden zog sich wieder ein Ge-witter über dem Balkan zusammen. Am 29. Oktober 1875 hatte der russi-sche Regierungsanzeiger die Aufmerksamkeit der europäischen Kabinetteauf die Beschwerden und Leiden der Christen in der Türkei gelenkt, für dieRußland in der Vergangenheit zu viele und zu große Opfer gebracht habe,als daß es nicht das Recht haben sollte, seine Stimme für sie zu erheben.

Am 30. Dezember 1875 richtete Graf Andrässy an die K. und K. Missionenin London, Paris und Rom eine Depesche, in der er das von ihm aus-gearbeitete, in Berlin und St. Petersburg approbierte Reformprogrammfür die Balkanhalbinsel entwickelte, das die vollständige, rechtliche undtatsächliche Gleichstellung der christlichen Religion mit dem Islam forderte.

Während des Winters 1875/76 wurde die Eintracht zwischen den dreiKaisermächten nicht gestört, die Fürst Bismarck wichtiger schien als dasSchicksal der Türkei oder gar das Los der rivalisierenden Balkanvölker,die er nur als Objekte seiner Politik betrachtete. So schiebt der Schach-spieler die Bauern auf dem Brett hierhin und dorthin, verliert sie nie ganzaus den Augen, aber überschätzt sie noch weniger in ihrer Bedeutung.

Graf Alvensleben war mir ein Vorgesetzter, von dem ich gelernt habe. Graf JohannIn der vortreff hohen Schule seines langjährigen Chefs, des Prinzen Alvensleben